Aus mehrfach gegebenem Anlass

18. Juni 2006, 21:57
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Wendelin Schmidt-Dengler über heimtückische Fallen, Redefreiheit und texanische Folklore

Das Unbewusste liegt blank, wenn die Kommentatoren unterschiedlichster Profession ihre Wortspenden abgeben. "Da zergeht einem der Mund!", ließ sich vor Kurzem ein Reporter vor dem Spiel Brasilien gegen Kroatien vernehmen, nachdem er die Namen Ronaldo, Ronaldinho und Kaka ausgesprochen hatte. Aus einem zergangenen Mund kann füglich keine konturierte Rede herauskommen. Heimtückisch sind die Fallen, die einem die Sprache in der freien Rede stellt. Weil Klinsmann zweimal tauschte, muss der Plural her, und Herbert Prohaska riskierte nach kurzem Zögern die Form "Austäusche". Der Sport zwingt zu grammatikalischen Innovationen, und so findet sich in der Zeitschrift Motorsportbereits die Mehrzahl "Verbräuche".

Redefreiheit sollte herrschen, und die kleinen Verstöße gegen die Sprachlehre sind zu vernachlässigen. Das Sammeln von Stilblüten ist mittlerweile zu einem billigen Vergnügen geworden, und wer noch nie eine solche produziert hat, der hebe den ersten Stein. Nein, es geht vielmehr um die Offenlegung von Vorurteilen, und das stimmt viel nachdenklicher. Um mit einem historischen und liebenswerten Beispiel zu beginnen: Edi Finger kom-mentierte 1978 - mein Gott, wo sind die Zeiten hin! - das Spiel von Córdoba gegen Deutschland; als der deutschen Elf noch einmal der Ausgleich gelang, rief er aus: "2:2 für die Deutschen!"Schöner könnte ein Minderwertigkeitskomplex nicht gefasst werden.

Wenn Bush der US-Mannschaft gesagt haben soll, sie möge die tschechische Mannschaft "zur Hölle schicken", horcht man auf. Selbst wenn dies nur die Erfindung eines Boulevardblattes sein sollte, so passt das doch sehr gut zu diesem tiefreligiösen Präsidenten: Für ihn gibt es, im Unterschied zu uns Relativisten aus dem alten Europa, ein fest verortetes Gutes wie ein Böses, und ein Ratschlag, der für seine Marines gut ist, sollte für seine Fußballer nur billig sein. Die Formel "send them to hell"soll auch im Amerikanischen gar nicht so arg klingen und kann als reizender Bestandteil texanischer Folklore gelten.

Schließlich erklärte auch der unvergleichliche Hannes Kartnig, dass Manchester United keine "Negermannschaft"sei. Damit kam Sturm Graz zwar nicht in die Endrunde der Champions League, Kartnig aber in die Weltpresse, die leider davon keine Ahnung hatte, dass solcherlei eben der steirische Brauch sei. Tanzen könnten die Kicker aus Angola, aber nicht schießen; so ließ sich Ottmar Hitzfeld anlässlich des Spiels gegen Mexiko vernehmen. Und die WM wird uns noch viele Sager dieses Typs liefern. (DER STANDARD Printausgabe 19.06.2006)

Zur Person:

Wendelin Schmidt-Dengler, Professor der Literaturwissenschaft in Wien.

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