Abhängig

31. Juli 2006, 15:42
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Dieses Bekenntnis musste ich am Wochenende beim ersten Treffen der anonymen WM-Abhängigen vor der Gruppe machen ...

"Guten Tag, mein Name ist K. F. und ich bin fußballweltmeisterschaftskrank."

y Dieses Bekenntnis musste ich am Wochenende beim ersten Treffen der anonymen WM-Abhängigen vor der Gruppe machen. Ein Ritual. Anschließend wurde ich begrüßt: "Hallo K.! Nett, dich kennen zu lernen."

Dreimal täglich brauche ich zurzeit ein Match

Eine Runde besteht aus maximal zehn Personen, Therapeut inklusive. Elf wäre zu hart. Es sind Frauen und Männer - Akademiker, Arbeiter, Angestellte. Dann erzählte ich die Geschichte meiner Abhängigkeit. Wie ich als an Klubfußball total desinteressierter Typ beim Eröffnungsspiel - das ich nur zufällig gesehen habe - plötzlich dieses Erregungsgefühl verspürte, dem ich seitdem hinterherjage. Dreimal täglich brauche ich zurzeit ein Match.

Wer spielt, ist egal. Sympathien für ein Team entscheiden sich kurzfristig. Einmal USA, einmal Iran. Bei Abhängigen ist alles möglich.

Während ich erzähle, abschweife, schweißnass von Spielszenen schwärme, merke ich, wie andere still nicken. Sie kennen das. Und die Auswirkungen davon. Auch sie vernachlässigen ihre Familien, schwänzen den Job und fürchten die Zeit danach. Nur noch drei Wochen WM - dann kommt der kalte Entzug. Ziel der Therapie ist, für jeden Süchtigen ein geeignetes Ersatz-TV-Programm zu finden. Langfristig. Ob ich die "Lindenstraße" kenne, wollte der Therapeut wissen. "Ja", sagte ich und schaute vom Boden auf, "jede gottverdammte Folge." Aus seinem Blick verschwand jede Hoffnung. (flu/DER STANDARD, Printausgabe, 19.6.2006)

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