Eiszeit zwischen ÖVP und Grünen

4. Juli 2006, 15:56
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Van der Bellen bezeichnet die ÖVP in der "Pressestunde" kurz als "Feind", Schüssel fühlt sich von den Grünen "angeschüttet"

Wien - Persönliche Emotionen haben in der Politik nichts verloren, aber manchmal lässt ihnen so gar der Schweigekanzler freien Lauf. "Die Grünen finden alles schlecht, was wir machen", beschwerte sich Wolfgang Schüssel am Wochenende bei der Kleinen Zeitung, "wo sie nur können, schütten sie uns an."

In der ORF-"Pressestunde"am Sonntag waren - zumindest in den Augen der ÖVP - die Kübel dann mal wieder randvoll: Alexander Van der Bellen kritisierte den schwarzen Machtrausch und bezeichnete Schüssel und die ÖVP sogar als "Feind", um dann auf "Gegner"abzumildern. Denn: "Ein Feind ist für mich nur die FPÖ."

Die kriegerischen Ausdrücke des an sonst eher als sanft bekannten Professors häufen sich, seitdem er seine Partei Anfang Juni bei der grünen Bundestagung vorwahlkämpferisch zum "kleinen gallischen Dorf"im Kampf gegen Schwarz-Orange-Blau und Rot hochstilisiert hat. In der Rolle des Julius Cäsar ist in der grünen Neuauflage des Comic-Klassikers eindeutig Schüssel vorgesehen - etwas, das den Kanzler verärgert.

"Die Grünen haben bislang substanziell und inhaltlich argumentiert. Jetzt haben sie offenbar bemerkt, dass sie mit persönlicher Kritik am Kanzler mehr Medienpräsenz bekommen", meint ein schwarzer Beobachter leicht indigniert. Nachsatz: "Der Punkt ist diese Aggressivität. Das haben die Grünen vorher nicht gemacht."

Zimperlich ging Van der Bellen mit Schüssel zuletzt tatsächlich nicht um. Egal, ob es um den ÖGB-Bawag-Skandal ging (Schüssel hat "Öl ins Feuer gegossen"), die ORF-Krise (die ÖVP wolle nur "klatschende Lindners"), um den Regierungsalltag (Schüssel setzt sich "im Einvernehmen mit Westenthaler zum Frühstück") oder um generelle Stilfragen ("Die ÖVP versteht das Verbreiten von Ödnis als effizientes Mittel der Politik"). Vor allem die Kritik an seiner Rolle beim ÖGB-Bawag-Skandal empört Schüssel: "Das ist eine Beckmesserei, die typisch ist für manche Grüne."

Die verbalen Ausritten beider Seiten sind auch Teil ei-ner Abgrenzungsstrategie: Sowohl ÖVP als auch Grüne versuchen, sich mit Blick auf den Wahlkampf stärker als allein stehende Bewegung zu positionieren. Van der Bellen lehnte in der "Pressestunde"dann auch jede Spekulationen über Schwarz-Grün ab - eine Koalitionsform, die nach jüngsten Umfragen um ihre Mehrheit bangen muss. "Was wir still und heimlich machen, steht auf einem anderen Blatt", orakelte er aber, nach eigenen Angaben "nicht geil aufs Regieren."

SPÖ, BZÖ und FPÖ orteten prompt eine Anbiederung an die Konservativen. Die ÖVP formulierte es sportlich. VP-Generalsekretär Reinhold Lopatka verglich Van der Bellens "Pressestunden"-Auftritt mit der "Offensivleistung Ronaldos im WM-Spiel Brasilien gegen Kroatien". Übersetzt für jene, die Ronaldo nicht gesehen haben: Es war jämmerlich. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 19.6.2006)

Von Barbara Tóth
  • Trotz schwarzen Lobs für das grüne Zuwanderungsmodell ist die Stimmung zwischen den potenziellen Koalitionspartnern getrübt.
    montage: derstandard.at

    Trotz schwarzen Lobs für das grüne Zuwanderungsmodell ist die Stimmung zwischen den potenziellen Koalitionspartnern getrübt.

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