Primal Scream: "Riot City Blues"

    14. August 2006, 19:08
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    Bobby Gillespies Band im zwanzigsten Jahr ihres Bestehens: "Keep it on rocking" mit allem, was dazu gehört

    Konzerte erreichen manchmal den Punkt, wo schon ein paar der publikumswirksamsten Songs dran waren, die Stimmung auf "So-könnte-es-jetzt-endlos-weitergehen" steht und die Band sich denkt: Wir haben sie! Auf der Welle reiten wir jetzt weiter.

    ... so lässt sich "Riot City Blues", das elfte Album der Band um Bobby Gillespie, an: Vom Opener "Country Girl" (zugleich die erste Single) über "Nitty Gritty" bis zur Nummer 3, "Suicide Sally & Johnny Guitar": eine Dreifach-Orgie an Motivationsrufen - Keep it on! - und ein einziger Schrei nach Mitsingen, Händeklatschen und Tambourinschlagen: Alright alright! In "Suicide Sally" stört nicht mal das Gitarrensolo (normalerweise krieg ich da die Krätze von), es wird ohnehin gleich von den johlenden Backgroundfrauen - Shake some action girl! - und der Orgel weggeschwappt.

    Eine kurze Historie

    1987, als The Jesus & Mary Chain noch im Zenit des allgemeinen Interesses standen, veröffentlichte Schlagzeuger Bobby Gillespie das erste Album seines neuen Projekts Primal Scream: "Sonic Flower Groove", ein im Vergleich zu Gillespies Herkunft eher braves Stück Sixties-Shangalang. Schon zwei Jahre später schrieben sich Primal Scream mit dem gleichnamigen Folge-Album und der darauf enthaltenen Verachtungsballade "You're just dead skin to me" erstmals in die Geschichtsbücher ein. Der Rest von "Primal Scream" war in einem Stil gehalten, den "Riot City Blues" einmal mehr aufgreift: Rock im Stil der Rolling Stones - zeitlich in etwa kurz vor dem Punkt anzusiedeln, an dem Keith Richards seinem eigenen Sarkophag zu ähneln begann.

    Album Nummer 3, "Screamadelica" (1991), war dann nicht weniger als historisch, zog die damals aktuellen Dancefloor-Strömungen in den Gitarrensound hinein bzw diesen in sie hinaus und wurde zu einem zentralen Werk der Rave-Kultur. Und die Band selbst hatte sich damit ein derart großes Klang-Universum zwischen Rock und Elektronik aufgespannt, dass sie sich in all den folgenden Jahren bequem zwischen den verschiedenen Polen hin und her bewegen konnte. 2006 schlug das Pendel wieder in Richtung "Good Times Rock'n'Roll" aus; bloß ein wenig fetter geworden als anno dunnemals.

    Weiter im Text von "Riot City Blues"

    Mit Song 4, "When the Bomb Drops", taumelt man allmählich in eine Kreiselbewegung, der Bass greift tiefer und es wird trippiger - verstärkt mit dem anschließenden "Little Death": Nach Bewusstseinserweiterung durch Bronchienverengung klingt's hier. Und wenn man sich vom Zusammentreffen von 60ies-Rock und Trancezustand stilgerechtes Einbauen indischer Sitar-Klänge erwartet, wird man statt dessen von einer Drehleier (vulgo "Hurdygurdy") überrascht; mit nicht minder exotisierender Wirkung.

    Da's inzwischen heftig nach brennendem Gummi riecht, währt die Atempause nur kurz, und für "The 99th Floor" dürfen die Gitarren wieder fröhlich lostwängen. Ein kratzbürstiger Blueseinschlag folgt mit "We're gonna Boogie", dann mit "Dolls" wieder: Röck'n'Röll! Und schließlich löst "Hell's Comin' Down" das Versprechen, das "Country Girl" nur im Titel gab, auch soundmäßig ein: mit Banjo, Geige und immer noch hohem Tempo.

    Erst mit Song 10 wird's dann stiller: gemütlich ausgeschunkelte Melancholie, zu der die Mundharmonika wimmert, als wären Mazzy Star zu Gast im Studio gewesen - "Sometimes I Feel So Lonely", das Abschlussstück.

    Gestern, heute, morgen

    Keep it on!, wie eingangs gesagt ... eine gewisse Ironie liegt da schon drin. Genau zur selben Zeit, als Primal Scream erstmals die Bühne betraten, verarschte das britische TV-Puppenkabarett "Spitting Image" das Pop-Establishment der 80er Jahre, das sich noch aus den 60ern herüber gerettet hatte und gefühlsmäßig mindestens zwei Generationen zurück lag. Unverdrossen den Zerfallserscheinungen an Körper und Glaubwürdigkeit trotzend, heulten die zu Mumien zurechtgestylten Puppen von Tina Turner, Rolling Stones und Co ihre Durchhalteparole im Chor: We're gonna keep it on, keep it on, keep it on rockin' ...

    2006 sind Primal Scream, was die dazwischen liegende Zeitspanne betrifft, in exakt der gleichen Position. Klingen aber wesentlich frischer - und woran das liegen könnte, darauf kann sich jetzt jede(r) selbst einen Reim machen. (Josefson)

    • Primal Scream: "Riot City Blues" (Sony BMG 2006)
      coverfoto: sony

      Primal Scream: "Riot City Blues" (Sony BMG 2006)

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      Bobby Gillespie

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