Spanien betätigt Euphoriebremse

19. Juni 2006, 23:03
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Trotz 4:0-Auftakt gegen Ukraine warnen die Iberer vor Tunesien - Aragones: "Haben großen Respekt" - Problemfall Raul

Stuttgart - Nach mehr als einem halben Jahrhundert voller WM-Enttäuschungen hat die spanische Fußball-Nationalmannschaft mit dem 4:0-Auftakterfolg über die Ukraine angedeutet, dass 2006 ihr Jahr sein könnte. Vor ihrem zweiten Spiel in der Gruppe H gegen Tunesien am Montag (21:00 Uhr) in Stuttgart treten die Iberer dennoch auf die Euphoriebremse. "Es ist gefährlich, zu denken, dass jedes Spiel so läuft", meinte etwa Arsenal-Jungstar Cesc Fabregas und sein Coach Luis Aragones erklärte: "Die Tunesier sind technisch besser als die Ukrainer und wir haben großen Respekt vor ihnen."

1950 in Brasilien stießen die stolzen Spanier zum ersten und bisher einzigen Mal ins Semifinale einer WM-Endrunde vor. Seither war spätestens im Viertelfinale Endstation. Gegen die Tunesier, die das Turnier mit einem 2:2 gegen Saudi-Arabien begannen und noch immer auf ihren zweiten WM-Sieg nach dem 3:1 über Mexiko in Argentinien 1978 warten, will man die eindrucksvolle Serie von bisher 23 Partien ohne Niederlage in Folge prolongieren. Doch auch Barcelona-Kapitän Carles Puyol gibt sich zurückhaltend: "Wir waren vorher nicht so schlecht und sind jetzt nicht so gut wie alle sagen."

Der 19-jährige Mittelfeldspieler Fabregas, der gegen die Ukraine eingewechselt wurde und damit zum bisher jüngsten spanischen WM-Akteur avancierte, verschwendet an ein mögliches Achtelfinale gegen einen Vertreter der Gruppe G mit Frankreich, Schweiz, Südkorea und Togo noch keinen Gedanken: "Es wäre dumm von uns, an mögliche Gegner zu denken, wenn wir uns noch nicht einmal qualifiziert haben. Wir wollen jeden schlagen und werden sicher keinem Team erlauben, uns zu schlagen, nur damit wir einem bestimmten Gegner ausweichen."

Von Euphorie ist in Spanien auch aus einem anderen Grund nicht viel zu merken. Vor dem zweiten Gruppenspiel ist Kapitän Raul plötzlich zu einem Problemfall geworden. Der Torjäger von Real Madrid kann sich offensichtlich nicht mit seiner Rolle als Ersatzspieler abfinden. Er wirkte trotz des blendenden WM-Starts missmutig und deprimiert.

"Raul im Abseits", titelte die größte spanische Tageszeitung "El Pais" am Sonntag und löste damit Alarm unter den Fans aus. Aragones befürchtet, dass die Traurigkeit des Kapitäns auf die Stimmung in der Mannschaft drückt. Er knöpfte sich den 28-Jährigen vor und redete ernsthaft auf ihn ein. "Der Coach rüttelte Raul auf und machte ihm Mut", will das Sportblatt "Marca" erfahren haben. "Er will den Kapitän nicht mit griesgrämiger Miene sehen."

Aragones setzt vielmehr alle Hebel in Bewegung, um ja keine Überheblichkeit aufkommen zu lassen. "Tunesien ist der stärkste Rivale in unserer Gruppe. Ich habe die Mannschaft acht Mal beobachtet und weiß, wovon ich rede." Bei den Tunesiern steht sein Gegenüber Roger Lemerre vor der entgegengesetzten Aufgabe. Der Franzose muss seiner Truppe neuen Mut machen. "Wenn wir uns anstrengen, können wir etwas erreichen", glaubt er. "Gegen Spanien werden wir mit viel mehr Eifer und Engagement spielen."

In Spanien wurde spekuliert, die Tunesier könnten ihre Kräfte für das möglicherweise entscheidende Spiel um Platz zwei gegen die Ukraine schonen. Davon will Kapitän Riadh Bouazizi aber nichts wissen: "Wir gehen sehr motiviert in das Spiel und wollen gewinnen." Allerdings müssen die Tunesier weiter auf ihren Torjäger Silva dos Santos verzichten. Den gebürtigen Brasilianer plagt eine Verletzung am linken Schienbein.

Die Spanier halten sich an die Devise "Never change a winning team" und wollen mit der selben Elf wie gegen die Ukraine antreten. Allerdings machen die Reservisten dem Coach die Wahl schwer. In einem Trainingsspiel schlugen sie das A-Team 2:0. Der traurige Edelreservist Raul, mit 43 Toren in 95 Länderspielen einer der effektivsten spanischen Fußballer, spielte allerdings schlecht und vergab mehrere Torchancen. (APA/Reuters/dpa/AFP)

  • SPANIEN - TUNESIEN (Stuttgart, 21:00 Uhr, Schiedsrichter Carlos Simon/Brasilien)

    Spanien: 1 Casillas - 15 Ramos, 22 Pablo, 5 Puyol, 3 Pernia - 16 Senna, 14 Xabi Alonso, 8 Xavi - 11 Luis Garcia, 9 Torres, 21 Villa Ersatz: u.a. Raul

    Tunesien: 1 Boumnijel - 6 Trabelsi, 3 Haggui, 15 Jaidi, 18 Jemmali - 20 Namouchi, 13 Bouazizi, 12 Mnari, 14 Chedli - 9 Chikhaoui, 5 Jaziri Es fehlt: Dos Santos (Knieverletzung)

    • Bild nicht mehr verfügbar

      "El Pais": "Raul im Abseits"

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