Belgien im Ruderleiberl

10. Juli 2006, 15:04
3 Postings

Belgien erkunden: Am besten in einem Faltboot. Das ist nicht besonders anstrengend und langsam genug für eigene Entdeckungen

Dass die Semois der schönste Fluss der Ardennen sei, wird oft behauptet. Wahrhaft erleben kann man das nur bei einer Fahrt mit dem Kanu flussabwärts. Drei Tage lang sind wir, mein Sohn und ich, mit dem Faltboot unterwegs gewesen auf diesem windungsreichen Gewässer, das sich vom belgischen Lothringen, von der alten Stadt Arlon aus, immer nahe der französischen Grenze mit so vielen Windungen und Schleifen hinzieht, dass der Fluss auf einer Karte aussieht wie eine Besorgnis erregende Fieberkurve.

Drei Tage geruhsamen Paddelns auf diesem der Maas entgegenziehenden Flüsschen, die uns manchmal unwirklich und träumerisch vorkamen, so wie die alten Städtchen, faszinierenden Dörfer und verfallenen Mühlen. Wir haben Burgen, Klöster, Ruinen erlebt und Einsamkeit in den Wäldern von ungeahnten Ausmaßen.

Die Sonne brennt uns gehörig auf den Rücken, als wir an der Straßenbrücke von Florenville unser altes Faltboot aufbauen. Fliegen und Gelsen schwirren in Wolken um uns. Wären wir doch schon auf dem Wasser! Das gluckst und plätschert geruhsam an uns vorbei, zieht um ein paar Felsblöcke, schlängelt sich durch Wiesen und verschwindet hinter dem mächtigen Felsplateau, auf dem Florenville auftaucht, als das Boot uns schließlich lautlos vorwärts bringt. Ein hübsches Städtchen ist das, von den Belgiern selbst gern als Sommerfrische besucht. Dann bleibt Florenville so lautlos zurück wie es aufgetaucht ist, die Straße mit ihrem Autolärm ist längst irgendwo im Hintergrund. Um uns ist nur noch grüne Welt: Wiesen, kleine Äcker, Obstgärten. Immer mehr Wald und immer dichterer Wald.

Eine Hand voll Häuser schart sich erneut um eine kleine, jahrhundertealte Kirche, dann ragen die Ruinen der alten Brücke von Chassepierre aus dem Wasser auf. Senkrecht säumen die Felsen von Herbeumont das Ufer. Oben liegt die Ruine der Burg, von der aus wir einmal über die vielen Schleifen der Semois geschaut hatten. Damals wurde der Wunsch geboren, den Fluss abwärts zu paddeln.

Eis in Bouillon

Abends sind wir in Bouillon, das mit seiner Lage zwischen steilen Waldbergen, der mächtigen Burg und dem Fluss den Mittelpunkt der Ardennen in Belgien bildet. Wir löffeln Eis auf der Terrasse jenes "Hôtel de la Poste", in dem Napoleon III., im nahen Sedan gefangen genommen, die Nacht vom dritten zum vierten September 1870 verbrachte. Am nächsten Morgen gibt mein Sohn natürlich nicht eher Ruhe, bis wir die Burg Bouillon besichtigt haben. Die Burg jenes Ritters Gottfried von Bouillon, der Generationen von schlagfertigen Schülern auf die Frage "Wann lebte Gottfried von Bouillon?" "Wenn er nichts anderes hatte" antworten ließ.

Jener Gottfried verkaufte 1095 die Burg an den Fürstbischof von Lüttich, um die Kosten seiner Teilnahme am ersten Kreuzzug decken zu können. Unterhalb von Bouillon ist der Fluss breit, hat das Tal mit seinen Waldbergen ganz für sich. Nur manchmal steigen abrupt Felsen aus den Wäldern am Ufer auf, dann wieder schaukelt das Boot auf dem Wasser rund um einen Umlaufberg.

Auf einem von ihnen liegt hoch oben das Dörfchen Corbion. Hier lebte im 16. Jahrhundert ein gewisser Monsieur Pistolet, der die nach ihm benannte Handfeuerwaffe erfand. An einer Sandbankinsel landen wir für den Abend an, bauen unser Zelt auf, entfachen ein rauchendes Feuer zum Schutz gegen die Gelsen. In der Nacht quaken die Frösche im Schilf und leise schlägt das Wasser der Semois gegen die Insel.

Tabakdunst

Frühdunst liegt noch über dem Wasser als wir weiterziehen, an einem kleinen Campingplatz vorbei, auf dem ein paar Angler vor ihrem Wohnwagen beim Frühstück sitzen. Noch vor ein paar Jahrzehnten lagen hier unten Tabakfelder, doch die luftigen Tabakschuppen, damals typisch für das Semoistal, sind heute verschwunden und nur noch im Provinzmuseum in St. Hubert zu sehen.

In Poupehan hört die große Einsamkeit auf. Campingplätze säumen nun das Ufer, Wohnwagenkolonien machen sich breit. Es riecht nach Pommes frites - immerhin nach den angeblich besten der Welt, den belgischen. Auf der Außenseite einer großen U-Schleife liegt Frahan, eines der schönsten Dörfer des Semoistales. Wir lassen das Boot auf dem Campingplatz, steigen durch den Bergwald hinauf zum hoch gelegenen Dorf Rochehaut, von wo sich ein Blick auf die Schleifen der Semois bietet, so großartig, wie ihn keine der ausgehängten Postkarten zeigen kann.

Hinter der nächsten, spätestens der übernächsten Schleife ist in der Ferne das Maastal zu ahnen, wo die Semois als Semoy im französischen Monthermé in die Meuse mündet. Bis dorthin zu paddeln ist schwierig, es gibt zu viele Industriewehre zu umtragen. So bleiben wir auf unserem Felsen in Rochehaut sitzen, bis die Sonne hinter den Bergen drüben in Frankreich versinkt, und die Semois unten nur noch als dunkles Band in den Waldbergen liegt. (Der Standard, Printausgabe 17./18.6.2006)

Von Christoph Wendt

Info

Belgien Tourismus
  • Artikelbild
    belgien tourismus
Share if you care.