Von der Andersheit des Anderen

23. Juni 2006, 11:57
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Anmerkungen zu Werner Wintersteiners "Poetik der Verschiedenheit"

Eigentlich ist es erstaunlich, wie wenig die Krise der Literatur ins Bewusstsein der Beteiligten rückt: der Autoren, der Literaturwissenschaft, aber auch der Schule. Jene Literatur, die maßgeblich zur Formung des europäischen und außereuropäischen Nationalbewusstseins beigetragen hat, ist heute vom Zentrum an die Periphere gerückt. Die einstige Leitfunktion des Mediums Buch war, wie Werner Wintersteiner, Klagenfurter Germanist und renommierter Literaturdidaktiker, hervorhebt, immer schon zwiespältig. Das Konzept der Nationalliteratur ging Hand in Hand mit einem Identitätskonzept, das schroffen kulturellen Grenzziehungen nach außen und radikalen Homogenisierungen Vorschub geleistet hat.

Die Literatur unserer Tage, medial umzingelt von Film, Computerkunst und Populärkultur, ist aber keineswegs vom Aussterben bedroht. Wo sie mehr ist als schiere Unterhaltung, wird sie zum Medium kultureller Reflexion und Selbsthinterfragung. Die marginalisierte Literatur wird - so lautet der Befund des Buches - zum Medium der Marginalisierten und der Marginalisierung.

Was Wintersteiner in dem klar gegliederten, gescheiten Arbeitsbuch entwirft, ist nichts weniger als eine Poesie der Verschiedenheit: Nicht auf die Beschwörung der Gemeinsamkeiten von Kulturen kommt es an, sondern auf einen Respekt vor der Andersheit, jenseits von Verwerfung und Sehnsuchtsprojektionen. Das Diverse hat Victor Segalen als all das bezeichnet, was anders ist. Die Poetik des Diversen, für die der Klagenfurter Germanist u. a. den Filmemacher Haneke, John Berger, Novalis oder Ingeborg Bachmann als Zeugen aufruft, ist eine Art von Hermeneutik des Nichtverstehens. Mancher mag sich an Canettis Erleichterung erinnert fühlen, dass er die Stimmen auf dem Markt von Marrakesch nicht zu verstehen imstande ist und sich ausschließlich auf den Klang der Laute konzentriert. Wintersteiners materialreiches Buch breitet die Umrisse eines kulturwissenschaftlichen Diskurses aus, der über die in Deutschland betriebene interkulturelle Germanistik hinausgeht und vor allem die angelsächsischen Ansätze der "Cultural Studies" miteinbezieht. In diesen ist ein Bewusstsein vorhanden, dass in inter-, intra- und transkulturelle Beziehungen immer schon Formen der Macht eingeschrieben sind - das historische, noch immer nicht aufgearbeitete Kapitel der kolonialen Unterdrückung der "anderen" Kontinente durch Europa ist nur das grellste Beispiel für diesen allgemeinen Sachverhalt.

Eine zentrale Rolle im postkolonialen und postnationalistischen Diskurs spielt die Konstellation des Hybriden: Er ist die Figur, die sinnfällig macht, dass Kulturen niemals rein und homogen sind, sondern sich immer schon Mischungen verdanken. Der Autor hebt zu Recht die problematische Herkunft - den rassischen Kontext - dieser und anderer Begriffe (Kreolisierung) hervor. Es könnte leicht sein, dass - entgegen der Absicht bloßer Umwertung - die Struktur des Rassismus reproduziert und nun der Hybrid anstelle des "Reinen" zum bevorzugten Subjekt erhoben wird. Im Anschluss an Slavoj Zizek und Alain Bossat lässt sich füglich auch auf jene Momente von Macht und Gewalt hinweisen, die gerade im kolonialistischen Kontext zur Hybridbildung geführt haben. Hybridität, Herkunftsunsicherheit, das Leben in zwei Welten, kulturelle Gespaltenheit, mag ungeheuer produktiv sein - für kulturell Privilegierte. Keineswegs für alle - wenn man z. B. an die türkischen Deutschländer in Berlin denkt.

Identität wird zum Thema, weil sie, so wenigstens Zygmunt Bauman, abhanden gekommen ist, weil ihr Fehlen kulturell wahrnehmbar ist. Aber ein gewisses Maß an Identität ist notwendig, um im Alltag oder in der Politik handlungsfähig zu bleiben. Wie viel Deterritorialisierung ist erträglich? Und vor allem für wen? In gewisser Weise gilt das auch für den Nationalstaat: Denn so wichtig und notwendig die Kritik am Nationalismus ist und so sehr uns auch heute klar wird, dass Nationalismen auf Konstruktionen und Phantasmen beruhen, stellt doch der Nationalstaat bis heute die Bedingung der Möglichkeit dar, sich zivilgesellschaftlich zu organisieren, - und das wiederum ist eine Voraussetzung für jene Poetik des Diversen, die das Buch so engagiert verficht.

Die Probleme, denen wir uns heute gegenübersehen, erlauben - so lautet das Fazit - keine simplen Antworten, sie können nicht durch binäre Konzepte des Entweder-Oder gelöst werden: Das gilt für das Spannungsverhältnis von kultureller Vielfalt und kultureller Hegemonie oder für den Gegensatz von kulturellem Respekt für die andere Kultur und universalen Werten. Man muss der Scylla eines alten, hegemonialen, eurozentrischen Liberalismus ebenso zu entrinnen trachten wie der Charybdis eines Kulturalismus, der blitzschnell in eine Poetik der Gewalt umschlägt. Es besteht Bedarf an dritten Lösungen. In diesem Zusammenhang bringt der Autor Edgar Morins Idee eines kosmopolitischen Patriotismus ins Spiel, der an die Stelle klassischer Heimatkonzepte treten könnte. Sie kann sich auf Goethes Plädoyer für eine Weltliteratur stützen, die heute die kleinen Literaturen, die Literaturen der Mischungen und Minderheiten einschließt. Programmatisch kommt diese Heimatlosigkeit, die zugleich Heimat ist, in Ingeborg Bachmanns Gedicht Böhmen liegt am Meer zum Ausdruck. Es wird zum Beweisstück für die These, wonach Literatur immer schon ein Medium der Verfremdung ist, das die eigene Kultur fremd macht. Ich bin mir nicht sicher, ob diese Fremdheit identisch ist mit der kulturellen Diversität, von der im Buch die Rede ist, auch wenn sie mit dieser im Bündnis stehen mag. (ALBUM/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Wolfgang Müller-Funk
  • Werner Wintersteiner: "Poetik der Verschiedenheit"
Literatur, Bildung, Globalisierung€ 29,50/322 Seiten. Drava, Klagenfurt 2006
    buchcover: drava

    Werner Wintersteiner:
    "Poetik der Verschiedenheit"
    Literatur, Bildung, Globalisierung
    € 29,50/322 Seiten. Drava, Klagenfurt 2006

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