Wenn die Fische weinen

18. Juni 2006, 10:00
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In Johannes Gelichs Roman "Chlor" geht ein freigesetzter Quastenflosser ins Hallenbad

Gäbe es ein Reich der Verweigerer, nähme darin Herman Melvilles Schreiber Bartleby, der es mit Verlaub stets vorzieht, etwas lieber nicht zu tun, selbstverständlich die Königsstellung ein. Aber auch für Hans, den nachnamenlosen Ich-Erzähler in Johannes Gelichs Roman Chlor, wäre im unmöglichen Staat derjenigen, die das Gesellschaftsspiel partout nicht mitspielen wollen, zumindest ein Hofschranzenplatz reserviert.

Schließlich ist es dem studierten Philosophen längere Zeit erfolgreich gelungen, im Austrocom-Konzern die wohlklingende Position des Junior Consultant tachinierend zu simulieren. So gehörte es zu seinen hervorragenden Pflichten, Wording-Seminare zu organisieren, in denen unter anderem die Literaturgeschichte für geschäftliche Bedürfnisse verstümmelt wird: "Nun sag, wie hast du's mit der Message?" Nur leider konnten die Seminare meistens nicht stattfinden, weil Hans - häufig von ihm erfundene - Koryphäen der internationalen Kommunikationsberatungsszene engagiert hatte, die bedauerlicherweise kurzfristig absagten. Zur klammheimlichen Freude seiner vornamenlosen, aber mit dem kollegialen Indianerrufnamen "Die mit dem Wort tanzt" ausgestatteten Vorgesetzten Kain, der es damit erspart blieb, von externen Kommunikationsberatungsgurus womöglich entzaubert zu werden. Eine absolute Win-win-Situation für alle Beteiligten, zumal auch die potenziellen Teilnehmer nicht wirklich motiviert waren für "Büroservicecenter-Officemanagement"-Maßnahmen. Die überaus komische Schilderung absurder Umtriebe herrschender Ökonomie gehört zu den großen Stärken von Chlor, dem zweiten Buch des 1969 in Salzburg geborenen Schriftstellers. Ihren an Kafkas Schloss erinnernden Höhepunkt erreicht die Kapitalismussatire, als Hans versehentlich im falschen Stockwerk aus dem Lift steigt und dort auf eine parallel existierende Wording-Abteilung stößt: zwei nichtkommunizierende Gefäße, die ihren kommunikativen Unsinn dennoch synchron ausgießen. Solcherart von seiner beruflichen Überflüssigkeit restlos überzeugt, nimmt Hans seine Kündigung "aufgrund von Reengineeringmaßnahmen" mit "lähmender Dankbarkeit" entgegen - und verlegt sein Büro vom Donauufer ins von nun an täglich besuchte Wiener Stadthallenbad. Der perfekte Schauplatz für einen Odysseus im Modus purer Passivität, der im Schwimmbad seine auf den Weltmeeren der Wirtschaft erlittenen Schiffbrüche rekapituliert und gleichzeitig in eine Art amphibischen Zustand regrediert. Während draußen die Aktienkurse hohe Wellen schlagen und der Irakkrieg sich mit massenmedialem Getöse ankündigt, empfindet Hans die Schwimmhalle "wie eine große, schwerelose, über den ganzen Körper gebreitete Decke". Mit dem aus der Ordnung des Erwerbslebens gefallenen Protagonisten darf sich auch der Leser/die Leserin in die Embryonalstellung begeben, umhüllt von wohltemperiertem, angenehm glucksendem Wortfruchtwasser. Und nebenbei einen Volkshochschulkurs besuchen, wenn der Autor beziehungsweise der Hobbymeeresbiologe Hans über Einsiedlerkrebse doziert, über auf den Rücken gefallene Suppenschildkröten, umherschweifendes Plankton, Knutschflecken der Haie oder den unverbesserlichen Quastenflosser, der "400 Millionen Jahre Evolution unbeschadet überstanden" hat - und jetzt nur noch als Bildschirmschoner eine Zukunft haben dürfte. Da kommen selbst den Fischen die Tränen. Das älteste Wirbeltier entpuppt sich gleichsam als Wappentier des Opfers eines (weg-)rationalisierenden Fortschritts. Die Evolution läuft rückwärts, die Meeresfauna spendet fabelhafte Vergleiche für humanoide Verhaltensweisen, während Hallenbadschwimmer, beobachtet durch das Kantinenbullauge, zu "schuppenlosen Fischen einer unbekannten Spezies" mutieren.

Der "Verlangsamungsstratege" Hans, aus seiner geschäftigen Umwelt entlassen, entwickelt sich indes zum sanften Amokläufer, der unliebsamen Hallenbadbesuchern Zettel in die Garderobenspinde steckt, auf denen Graffitisprüche wie "Österreich halt 's Maul" - siehe Grillparzers König Ottokar! - stehen. Und er verfasst rauschhafte Bewerbungsschreiben, die berufliche Initiativen wie "den dynamischen Verzicht auf Fortbildung jeglicher Art" annoncieren.

Johannes Gelich hat einen wunderbaren, todlustigen Roman geschrieben über einen, der - wie Fernando Pessoas trauriger Buchhalter Bernardo Soares im Buch der Unruhe - nicht mit dem Leben übereinstimmt und beinah stolz darauf ist. Nur der Schluss, der die kaputte Ehe zwischen Hans und seiner Frau Vivien in einer kleinkriminellen Ausgabe von Bonnie & Clyde restauriert, ist ein schlechter Witz. Dass der Autor seinem Erzähler ein tragisches Ende verweigert, mag nur konsequent sein, aber ein weniger unglaubwürdiges Happyend hätte er sich dennoch verdient. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Ewald Schreiber

Schreiber, geboren 1969, studierte Germanistik und Politikwissenschaft. Er lebt als Kulturjournalist und Lektor in Wien.
  • Johannes Gelich: "Chlor"€ 19,-/211 Seiten. Literaturverlag Droschl, Graz 2006.
    buchcover: droschl

    Johannes Gelich:
    "Chlor"
    € 19,-/211 Seiten. Literaturverlag Droschl, Graz 2006.

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