Kartause Mauerbach: Beten und Fasten mit Schildkröten

19. Juni 2006, 15:23
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Reste besonderer Fastenspeisen, eine originale Mönchszelle, historisches Handwerk und Konzerte inmitten seltener Rosenblüten

Reste ganz besonderer Fastenspeisen, eine originale Mönchszelle, historisches Handwerk und Konzerte inmitten von höchst seltenen Rosenblüten - das bietet die Kartause Mauerbach.

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Wien/Mauerbach - Als sie die vielen Knöchelchen in der Kartause Mauerbach fanden, war das an sich noch nichts Besonderes. Nach dem Bestimmen der Tierart waren die Experten allerdings fürbass erstaunt: Was sie da gefunden hatten, waren jede Menge Schildkrötenreste.

"Schließlich stellte sich heraus, dass die Mönche Schildkröten essen durften. Da diese, im Wasser lebend, als Fastenspeise galten - während jedes andere Fleisch verboten war", erläutert Astrid Huber, die derzeitige Leiterin der in der Kartause beheimateten "Restaurierwerkstätten Baudenkmalpflege"des Bundesdenkmalamtes.

Mehr noch: In einem alten Stich aus dem Jahre 1675, der bereits für die Rekonstruktion des originalen barocken Kaisergartens in der Kartause wertvolle Dienste geleistet hatte, fanden sich rechts im Eck recht eigenartige Anlagen mit lustigen Kreaturen drin. Bei genauerem Hinsehen zeigte sich: Das waren die Bassins, in denen die Mönche sich die Sumpfschildkröten für ihr Fastenschmausen züchteten.

Teile dieser Schildkrötenreste werden heuer erstmals in einer Hausausstellung in der Kartause präsentiert. Eine Schau, in der Funde aus den drei historischen Abschnitten der gleichzeitig imposanten wie kontemplativen Anlage vor den Toren Wiens präsentiert werden. Beginnend beim Mittelalter, ab der Gründerzeit 1314. Dann die barocke Umgestaltung ab 1616, in der die Anlage ihre heutige Form annahm - und schließlich, nach der Auflösung durch Joseph II., die Nutzung als Versorgungs- und Armenhaus.

Kartausen-Wanderung

Diese Ausstellung ist allerdings nur ein kleiner Teil dessen, was sich die Besucher an Wochenenden (Fr-So und Feiertag; 10-18Uhr) neuerdings selbst erwandern können. Tatsächlich hat man nach einem Rundgang im quadratischen Kreuzgang mit seiner Seitenlänge von 120 Metern insgesamt fast einen halben Kilometer zurückgelegt.

Rote Punkte auf einem Informationsblatt markieren jene Stellen in der ehemaligen Klosteranlage, wo auf Tafeln Wissenswertes präsentiert wird. Sei es besagter Kreuzgang, in dem die einzelnen Schritte der Wandmalerei-Restaurierung erläutert werden und wo dokumentiert wird, warum hier manches nicht mehr rekonstruiert wird: "Wo die Hypothese beginnt, muss die Restaurierung enden, ist der wichtigste Grundsatz aus der Charta von Venedig", erläutert Huber.

Inmitten des Kreuzganges: der Kreuzgarten, in dem unter anderem Mauerputz in alter Kalktechnik präsentiert wird, die hier von den Restauratoren wieder zur Meisterschaft perfektioniert wird. Gleichzeitig ist dieser Hof ein Dokument und Vorbild für den "Alterswert"in der Denkmalpflege: wenn nicht bis zur letzten Perfektion instandgesetzt wird, sondern die Spuren der Zeit authentisch bewahrt werden.

Oder sei es die Klosterkirche, in der auch eine historische Aufnahme zu sehen ist: als mitten in das Gotteshaus für das Armenkrankenhaus zwei Geschoße eingezogen worden waren und die Siechen teils direkt unter mächtigen Figuren der Kirchendecke lagen. Kritzeleien zeugen dort oben noch heute davon.

Die Mönchszelle

Eine weitere Besonderheit ist heuer eine Mönchszelle, die rekonstruiert wurde, um den Tagesablauf in der Kartause erspürbar zu machen. Das Inventar hat die nächste noch aktive Kartause zur Verfügung gestellt: jene im slowenischen Pleterje. Ein Bett, daneben eine Art offener Schrank und schließlich die Bet-Nische mit ihrem praktischen, klappbaren Mehrzweck-Bet-Sitz.

Das schönste Eck der Kartause ist im frühen Sommer zweifellos der rekonstruierte Kaisergarten zur Rosenblüte. Es sind historische und höchst seltene österreichische Rosenarten, die in diese symbolträchtige Anlage integriert wurden. Am 25. Juni startet um 17 Uhr wieder die Konzertreihe "Alte Musik zur Rosenblüte", die am 1., 8. und 15. Juli jeweils um 18 Uhr fortgesetzt wird.

Zum Auftakt spielen Wolfgang Glüxam und Patrick Ayrton am 25. 6. Cemba lowerke von Mozart. Vor dem Konzert kann die Kartause besucht werden - in der Pause wird Rosenblütensekt kredenzt. (Roman David-Freihsl, DER STANDARD - Printausgabe, 17./18. Juni 2006)

  • Der gleichztig imposante wie kontemplative Kreuzgang der Kartause Mauerbach. Er verbindet die Mönchszellen mit der Kirche und den Gemeinschaftsräumen des Klosters. Jede einzelne Seite im Geviert ist 120 Meter lang.
    foto: standard/christian fischer

    Der gleichztig imposante wie kontemplative Kreuzgang der Kartause Mauerbach. Er verbindet die Mönchszellen mit der Kirche und den Gemeinschaftsräumen des Klosters. Jede einzelne Seite im Geviert ist 120 Meter lang.

  • Die Mönchszelle der Kartäuser. Das Bett, die Kleidernische und die Bet-Ecke, die täglich ab Mitternacht benutzt wurde.
    foto: standard/christian fischer

    Die Mönchszelle der Kartäuser. Das Bett, die Kleidernische und die Bet-Ecke, die täglich ab Mitternacht benutzt wurde.

  • Ein kulinarisch bedeutsames Detail aus der Darstellung der Kartause Mauerbach des Jahres 1675: In den Bassins wurden Sumpfschildkröten gezüchtet, die den Mönchen als Fastenspeise erlaubt waren.

    Ein kulinarisch bedeutsames Detail aus der Darstellung der Kartause Mauerbach des Jahres 1675: In den Bassins wurden Sumpfschildkröten gezüchtet, die den Mönchen als Fastenspeise erlaubt waren.

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