Mehr Lust auf Klischee

16. Juni 2006, 19:38
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WM: eine Fundgrube der Alltagsmythen

Die Saudis werden also wieder auf ihrem eigenen Öl ausrutschen." Der phrasendreschende ORF-Kommentator hat das vielleicht sogar so gesagt, er wird jedenfalls im neuen Klischeekompendium "WM-Live" mit diesem Satz zitiert, als Vorschau auf das "Wüstenderby" Tunesien - Saudi-Arabien. Die "afrikanische Athletik", das typische Chaos des schwarzen Mannes, exemplifiziert an der Aufführung von Togowabohu", dem immerhin Fitness zugestanden wird, während die Asiaten dem europäischen Auge als "Dauerläufer" (Südkorea), "klein, aber sehr willig" erscheinen.

Der Fußball gilt spätestens seit dem "Wunder von Bern", der Gründung der Bundesrepublik Deutschland, als Deutungsreservoir der Welt. Naiver Rassismus ist in den Medien seltener geworden, Alltagsplattheiten überwiegen. Die Sehnsucht nach einem Führer ("Kaiser Franz") oder der heilen Welt (Andi Herzog über die altersweisen Franzosen), das Bild vom Diener und Herrn (Exkolonie Angola gegen Exkolonialherren Portugal).

Die komplexe Botschaft des Spiels wird auf "knackige Boys" (Italien) reduziert. "Beckham ist mir als Mann schon zu perfekt", schreibt Simone Stelzer in WM-Live, dem Trainingslager von Wolfgang Fellners neuer Qualitätszeitung Österreich. Die Welt und das Spiel sind von Klischees umzingelt, nicht zufällig dekretierte einst der neue deutsche Kaiser: "Deutschland ist nicht Brasilien." Der Kommentator Thurn und Taxis (Premiere) ist sein authentischer Nachfolger: "Heute wird ihnen nichts geschenkt, heute müssen sie sich alles auch ein wenig erarbeiten" - zum Glück nur 90 Minuten lang.

(josko/DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 6.2006)

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