Paula Lehtomäki im Interview: "Finnland ist Energie und Innovation"

16. Juni 2006, 19:03
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Die Handels- und Europaministerin spricht im STANDARD- Interview über die finnischen Ziele für das zweiten Halbjahr 2006

STANDARD: Was sind die wichtigsten Ziele der finnischen Ratspräsidentschaft?

Lehtomäki: Wir haben eine sehr gute Partnerschaft mit Österreich und auch ein gemeinsames Arbeitsprogramm, da Kontinuität sehr wichtig ist. Zum anderen werden wir natürlich aber auch eigene Dinge einbringen. Dabei sind uns der Binnenmarkt wichtig und natürlich die Energieproblematik. Wir werden einen besonderen Schwerpunkt auf Innovationspolitik setzen. Besonderes Augenmerk möchten wir auf die Beziehungen zu Russland legen. Finnland, das ist Energie und Innovation.

STANDARD: Wie denken Sie über die Energiepolitik Ihres großen Nachbarn Russland? Führt die Entwicklung der Rückverstaatlichungen und der Einsatz der Energie als Druckmittel nicht zurück in die UdSSR?

Lehtomäki: Russland war für uns immer ein glaubwürdiger Energielieferant. Aber das Land hat auch seinen eigenen Weg, diese Dinge zu sehen. Deswegen ist es sehr, sehr wichtig, den Dialog zu verstärken, um das gegenseitige Verständnis zu verbessern. Russland ist zwar ein riesiger Lieferant, aber die EU ist auch ein ebensolcher Kunde. Es stimmt schon, dass Russland hier dennoch auf dem längeren Ast sitzt. Aber ohne Käufer ist auch der enorme Energievorrat nichts wert.

STANDARD: Welche Bedeutung hat da in Zukunft erneuerbare Energie und Atomkraft?

Lehtomäki: Finnland ist überzeugt, dass letztendlich die Entscheidung, welcher Energiemix verwendet werden soll, auf nationaler Ebene getroffen werden soll. Finnland ist eines der wenigen Länder auf der Welt, das neue Atomkraftwerke baut. Das ist unsere Wahl.

STANDARD:Benötigt die EU mehr Atomkraftwerke?

Lehtomäki: Die Länder unterscheiden sich sehr in ihrer Struktur. Manche haben viel Wasserkraft, andere wieder nicht. Wir sollten die Entscheidung wirklich den Ländern überlassen.

STANDARD:Wie steht Finnland zur Verfassungsdiskussion? Das finnische Parlament wird ja im Herbst die Verfassung ratifizieren.

Lehtomäki: Wir wollen den Prozess und die Verfassung am Leben erhalten. Es ist natürlich insgesamt eine sehr schwierige Frage, wie wir aus dieser Situation, in der viele Länder schon zugestimmt haben und einige eher ablehnend sind, wieder herauskommen. Es kann sein, dass wir die Verhandlungen wieder von null beginnen müssen, was zweifellos eine große Herausforderung und eine zeitaufwändige Aufgabe wäre.

STANDARD: Ihr Land gehört zu den Ländern mit den höchsten Ausgaben für Forschung und Entwicklung in der EU. Könnte Finnland ein Modell für Europa werden?

Lehtomäki: Wir sehen uns nicht als Modell. Es muss gelingen, den Lissabon-Prozess in Schwung zu bringen, und dazu sind Schritte gelungen, viele liegen noch vor uns: Die Arbeitszeitrichtlinie ist uns wichtig, die Dienstleistungsrichtlinie wird den Binnenmarkt stärken.

STANDARD: Was ist das Geheimnis des starken Wachstums und der Budgetüberschüsse Finnlands?

Lehtomäki: Wenn jemand von uns etwas lernen will, sollte er sich unser Schulsystem ansehen. Das ist unser Geheimnis. Die Grundausbildung ist ausgezeichnet. Jedes Kind, völlig unabhängig von der sozialen Herkunft, bekommt bis zum Alter von 16 Jahren die gleiche, hoch stehende Ausbildung. Erst dann müssen Entscheidungen über die weitere Ausbildung getroffen werden. Deswegen haben wir ein riesiges Potenzial gut ausgebildeter Bürger.

(DER STANDARD, Printausgabe, 17./18. 6.2006)

Mit der Handels- und Europaministerin Paula Lehtomäki sprach Michael Moravec.

Finnland übernimmt am 1. Juli von Österreich den EU-Vorsitz.

  • Zur Person
Paula Lehtomäki (33) ist Finnlands Ministerin für Handel, Entwicklung und Europafragen. Seit 1999 ist die Betriebswirtin und Hochschullehrerin Mitglied des Parlaments, seit 2003 in der Regierung und Vorsitzende der russisch-finnischen Gesellschaft.

    Zur Person

    Paula Lehtomäki (33) ist Finnlands Ministerin für Handel, Entwicklung und Europafragen. Seit 1999 ist die Betriebswirtin und Hochschullehrerin Mitglied des Parlaments, seit 2003 in der Regierung und Vorsitzende der russisch-finnischen Gesellschaft.

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