Der Zinnkrug, die Autos und eine Saga

16. Juni 2006, 18:54
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England ist im Achtelfinale. Über die Stärke des Teams herrscht freilich Unklarheit, Wayne Rooney soll für den letzten Schub auf der Überholspur sorgen. Das würde auch die Orthopäden freuen

Warnung an alle Ronaldinhos, Tottis oder auch Ballacks: Lasst euch von der technischen Delegation der FIFA ja nicht zum "Man of the Match"wählen, das hat fürchterliche Folgen: Ihr bekommt einen Zinnkrug überreicht und müsst auch noch zur Pressekonferenz erscheinen. Das Ding ist absolut unnütz, zu wertlos, um es im Keller dem Staub zu opfern, da frisst einen österreichischen Bundesligakicker nicht der Neid. Andererseits haben die Superstars schon alles, schicke Autos, große Villen, fesche Frauen, Kinder in Designerfetzen. Also könnte der den Geschmack verachtende Zinnkrug durchaus von erzieherischer Bedeutung sein. Motto: Bleibt auf dem Boden, dreht nicht durch, gedenkt stets eurer Herkunft.

David Beckham hat seit Donnerstag einen. Obwohl er sich rechtschaffen mühte, den Krug (Kelch) an sich vorübergehen zu lassen. Aber irgendeinen Engländer musste die FIFA ja ehren, schließlich wurde in Nürnberg die ehemalige Kolonie Trindad &Tobago 2:0 besiegt. Beckham hatte in der 83. Minute die entscheidende Flanke auf den Kopf des mindestens so langen wie dürren Peter Crouch (sie nennen ihn Giraffe) geschlagen, daraus resultierten das 1:0 und eben der Zinnkrug.

Die heimische Presse watschte die Mannschaft trotzdem ab, von einer "erbärmlichen Vorstellung"war am Tag danach die Schreibe, Kapitän Beckham sah das am Tag davor aber nicht so: "Im Finish waren wir stark, wir zeigten Geduld, wir sind weiter, das war eine Botschaft an alle: Nehmt euch in Acht."Deutschland oder Ecuador werden im Achtelfinale aufpassen. Vermutlich auch auf Wayne Rooney. Denn, so Beckham: "Die Welt verdient es wirklich, einem solchen Spieler zuzusehen."

Rooney hat gegen Trindad &Tobago bereits 32 Minuten lang gekickt. 47 Tage nach seinem Beinbruch, der rechte Mittelfuß war beschädigt. An den Toren war der 20- Jährige ungefähr so beteiligt wie Englands Keeper Paul Robinson, FIFA-Beobachter Amadou Diakite oder Franz Beckenbauer. Was aber wurscht war, die Rolle des Talismans hat er perfekt ausgefüllt. Teamchef Sven-Göran Eriksson erklärte "die Rooney-Saga"für beendet. "Er ist 100-prozentig fit, aber noch nicht 100-prozentig in Form. Er war trotzdem toll."

"Absurdes Theater"

Arbeitgeber Manchester United hat dem Verband eine Millionenklage angedroht, sollte Rooney zu früh eingesetzt werden und sich abermals verletzen. Zwei unabhängige Mediziner aus dem Land der Hobby-Orthopäden mussten nach Deutschland reisen, um den Mittelfuß der Nation zu begutachten. Sie erklären ihn für geheilt und belastbar. Eriksson: "Das Theater war absurd, als gäbe es auf der Welt keine anderen Probleme. Noch einmal: Ich erkläre die Rooney-Saga für beendet, wir widmen uns wieder dem normalen Fußball."Ob Rooney am Dienstag gegen Schweden von Beginn an stürmen darf? "Keine Ahnung. Aber das entscheide ich ganz alleine."

Rooney soll bei der WM noch "sehr wichtig"werden. Sagt Kollege Frank Lampard. "Er gibt uns den Schub, er kann der entscheidende Faktor sein."Leo Beenhakker, der Trainer von Trinidad &Tobago, stellte aber schon fest: "England wird sich steigern müssen, um gegen stärkere Nationen zu bestehen. Wir waren doch eine Nummer zu klein."Der Niederländer verglich Eriksson und andere mit sich selbst: "Wir fahren alle auf der gleichen Straße. Nur sitzen wir in verschiedenen Autos. Gegen uns sind sie noch gerade rechtzeitig in den Sportwagen umgestiegen."Wayne Rooney ist eine Art Bulldozer. Er soll die Straßen glatt walzen. Eriksson: "Dann wäre die Saga vielleicht doch nicht zu Ende."Rooney selbst blieb nach seinem Kurzeinsatz still. Wohl wissend, dass einer dieser fürchterlichen Zinnkrüge ein idealer Wiedereinstieg in die Saga wäre. (Christian Hackl aus München - DER STANDARD PRINTAUSGABE 17./18.6. 2006)

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    Ob Rooney gegen Schweden von Beginn an stürmen darf? Eriksson wird keinen Orthopäden befragen.

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