Analyse: Warum der Balkan auf dem Minoritenplatz beginnt

16. Juni 2006, 18:50
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Was der Balkan-Schwerpunkt der österreichischen Ratspräsidentschaft im Bildungssektor gebracht hat - und was nicht

Sarajewo/Wien - Das Besuchsprogramm war dicht, die Zahl der Konferenzen, Workshops und politischen Runden noch dichter, Papier wurde tonnenweise bedruckt: Das war ein Ergebnis des Balkan-Schwerpunktes der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft.

Die Frage ist nun: Hat es andere Ergebnisse auch gegeben? Die Antwort lautet: "Jein". Zwar ist man am Westbalkan für alle Bekenntnisse, Initiativen und Gelder der EU dankbar - nähren sie doch die Hoffnungen, man könnte bald einmal am ersehnten Ziel, nämlich in der EU, sein. Andererseits fehlt es oft an Eigen-initiative in den Ländern Ex-Jugoslawiens - zumindest von Seiten offizieller Stellen.

12 Millionen Euro

Ein Beispiel aus dem Bildungsbereich: Der Balkan beginnt quasi auf dem Minoritenplatz in Wien, im Bildungsministerium. 12 Millionen Euro hat Österreich bisher in die Bildung am Balkan investiert; 450 Veranstaltungen durchgeführt, 5000 Lehrer fortgebildet und 150 Kooperationen mit Schulen initiiert. 3000 bosnische Studenten studieren derzeit im Rahmen von Austauschprogrammen in Österreich.

Die Österreicher haben in Bosnien einen recht guten Ruf, das hat mit den Bildungsreformen nach der Annexion 1887 durch die Habsburger-Monarchie zu tun. Sie sind ergo dort auch heute noch gerne gesehen und auch auf NGO-Ebene stark vertreten. Österreichs Bildungsministerin Elisabeth Gehrer flog diese Woche nach Sarajewo, um dort das "Österreichische Kooperationsbüro", quasi ein Pendant zum deutschen "Goethe-Institut"zu eröffnen. Gleichzeitig wurde der Vertrag mit der Österreich-Bibliothek an der Uni Sarajewo verlängert, eine Arbeitsgruppe über gemeinsame historische Wurzeln auf der Islamwissenschaftlichen Fakultät vereinbart und ein Mobilitäts- und Stipendienaustausch-Programm für Studierende und Lehrpersonal unterzeichnet.

Kompetenzlosigkeit

Dass letzteres zustande kam und nun bosnischen Studenten immerhin die Möglichkeit gibt, für insgesamt 100 Monate auf österreichische Kosten in Österreich zu studieren, ist einem bestimmt nicht hoch anzurechnen: dem zuständigen bosnischen Minister für "zivile Angelegenheiten", Safet Halilovic. Der berief sich auf seine Kompetenzlosigkeit (es gibt 10 Kantonsbildungsminister), seine mangelnden finanziellen Mittel und die Tatsache, dass alles sehr schwierig sei.

"Auf offiziellen Wegen erreicht man hier wenig. Am besten funktioniert die Zusammenarbeit mit NGOs", sagt Safira Seferovic, Direktorin des österreichischen Kooperationsbüros. Daher investiert das Gehrer-Ressort in Partnerschaften wie jener mit WUS (World University Service). Über dieses werden verschiedene Programme, etwa ein so genannter "Case-Study-Wettbewerb", diverse Pilot-Projekte oder schlicht Hilfestellungen für Studenten beim Ansuchen um EU-Förderungen angeboten. Bosnischen Studierenden hilft das zwar bei konkreten Problemen, der Nachteil ist aber: Die ineffizienten Strukturen werden umgangen - verändert werden sie nicht.

Nur kleine Schritte

Das führt dann oftmals zum Scheitern auf der politischen Ebene. So misslang der internationalen Gemeinschaft gründlich, zwischen den Ethnien ein gemeinsames Hochschulgesetz für Bosnien zu verhandeln. "Wir müssen uns auf dem Balkan auf viele kleine Schritte konzentrieren", gesteht auch Gehrer ein, "die großen gelingen derzeit noch nicht."Dazu kommt dann mitunter mangelnde Ortskenntnis. So lieferte eine schwedische Organisation vor Kurzem funkelnagelneue Computer an eine albanische Schule - und vergaß dabei, auch Generatoren mitzuliefern. Die Computer können nun nicht verwendet werden, die Schule hat maximal drei Stunden pro Tag Strom.

Was die Jugend am meisten wünscht, formuliert Senad Kusur, Student an der Islamischen Fakultät in Sarajewo so: "Wir brauchen Bücher, Geld, ausländische Lehrer und Stipendien."Das zumindest hat der Balkan-Schwerpunkt Österreichs ermöglicht. (DER STANDARD, Printausgabe 17./18.6.2006)

Von Petra Stuiber
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