Gedankenspiele, Gedankenspiele

16. Juni 2006, 18:30
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Franzobel wünscht sich ganz fest ein Endspiel Deutschland -Brasilien, damit es ja nicht passiert

Beim Elfmeter denken Tormann und Schütze, dass der jeweils andere denkt, er selber denkt, dass der andere denkt, er denkt, der andere denkt, er denkt, und so weiter, und auch wenn der Tormann nachdenkt und feststellt, dass man beim Nachdenken nur dem hinterher denkt, was andere schon gedacht haben, er folglich gar nicht denkt und dennoch völlig gedankenlos ins richtige Ecke fliegt, kann es sein, dass der hirnlose Ball trotzdem an ihm vorbei geht, weil sich tausende Zuschauer fest auf Tor konzentriert haben.

Gedanken, denke ich, haben eine Kraft. Vielleicht können sie, wenn sich nur genügend Menschen darauf konzentrieren, auch das Wasser zum Sieden oder Flugzeuge zum Abstürzen bringen. Wie aber ist das mit Prophezeiungen?

Von meinen bescheidenen Mutmaßungen weiß ich, dass sie alle nicht eintreffen, sobald sie veröffentlicht sind. Ich muss nur schreiben, Schweden, Polen und Frankreich haben Chancen, schon blamieren sie sich. Schreibe ich über einen Verletzten (Rooney), spielt er, bei Ballack (Never mind the Ballacks) war es umgekehrt. Erwähne ich irgendwo Fabregas als kommenden Star dieser Weltmeisterschaft, steht er nicht einmal im Aufgebot, ähnliches mit Messi.

Achtung, Prognose!

Vor vier Jahren sind meine Favoriten schon in der Vorrunde jämmerlich gescheitert. Immer tritt zuverlässig das ein, was meinen Vorhersagen diametral widerspricht. Es scheint, als müssten sich Spieler und Mannschaften vor nichts so sehr als vor meinen ihnen gefälligen Prognosen in Acht nehmen - bestechlich wäre ich diesbezüglich. Wie aber ist es, wenn ich absichtlich falsche Prophezeiungen mache und als solche bloßlege? Erfüllen die sich auch nicht? Oder ist dann alles umgekehrt, treffen sie ein? Mir geht es wie dem Bauern, dem man sagt, dass auf seinem Feld ein Schatz liegt und er ihn ausgraben und behalten darf, solange er dabei nicht an das Wort Hirnschmalzbrotaufstrichmännchen denkt.

Prognose, Achtung!

Schopenhauer schrieb den berühmten Satz, dass es keine Handlung, keinen Gedanken, dass es keine Krankheit gebe, die nicht gewollt sei, was also auch für meine Prophezeiung, dass meine Vorhersagen nicht nicht eintreffen, wenn ich sie nicht ernst meine, gilt, weshalb ich jetzt, eingedenk all dieser Gedankenspiele, fest mit einem Endspiel Deutschland gegen Brasilien rechne und versuche, nicht Denkste zu denken, dass ich alles, nur das nicht will.

Oder ist das Nachdenken übers Weissagen wie die Sache mit Torwart und Elfmeterschütze, wo der eine vom anderen denkt, er denkt, der andere denkt, er denkt und so weiter. Man muss aufpassen, dass man nicht überdacht wird. Denke schön.

Franzobel, Schriftsteller und Dramatiker in Wien. Letzter großer Roman: "Das Fest der Steine oder die Wunderkammer der Exzentrik". Zuletzt bei Ritter Klagenfurt erschienen: "Der Schwalbenkönig", FußballKolumnensammlung. (Franzobel - DER STANDARD PRINTAUSGABE 17./18. 2006)

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