Forschung in tödlicher Nähe zum Gipfel

23. Juni 2006, 17:28
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Jedes Jahr sterben Vulkanologen bei der Ausübung ihres Berufes - deutsche Forscher entgingen am Merapi vor wenigen Tagen der tödlichen Glut

Yogyakarta - Hunderte Menschen flohen in Panik vor der tödlichen 800 Grad Celsius heißen Aschewolke, die der indonesische Vulkan Merapi vor wenigen Tagen ausspuckte. Fünf Kilometer weit raste das Glutgemisch die südöstliche Flanke hinab und kam knapp vor den Siedlungen zum Erliegen. Nur vier Kilometer vom Gipfel entfernt arbeiteten deutsche Forscher - auf der anderen Seite des Berges. Matthias Hort und Alexander Gerst von der Universität Hamburg reparierten gerade Überwachungsgeräte. Dass sie ihr Leben riskierten, bestreiten die Wissenschafter. Doch jedes Jahr sterben Vulkanologen bei der Ausübung ihres Berufes, einem der gefährlichsten der Welt.

Die Liste der Opfer ist lang. Aufsehen erregte ein Unfall 1993 auf dem kolumbianischen Vulkan Galeras. Geologe Stanley Williams von der Arizona State University führte im Rahmen einer Vulkanologentagung eine Gruppe Wissenschafter und Touristen auf den Gipfel, obwohl der Vulkan in den Tagen zuvor bedrohlich aktiv geworden war. Der Boden riss auf, Asche, Lava und Gestein schossen hervor und zerfetzten neun Menschen. Williams kam mit Knochenbrüchen davon. Er bestritt vorgeworfenen Leichtsinn. "Williams liebt das Risiko", meint dagegen Hans-Ulrich Schmincke von der Universität Kiel, einer der weltweit angesehensten Vulkanologen.

1991 hatte ein Unglück am japanischen Unzen Entsetzen ausgelöst. 43 Wissenschafter, Journalisten und Touristen hatten sich in die Sperrzone des seit Monaten rumorenden Vulkans gewagt und wurden von einer Glutwolke verbrannt. Unter den Opfern war Vulkanologe Harry Glicken, der jahrelang Vorträge über die seiner Meinung nach unterschätzte Gefährlichkeit der Vulkane gehalten hatte. Mit ihm starben auch die berühmten Vulkanfotografen Katia und Maurice Krafft. Sie hatten immer wieder betont, spüren zu können, ob ein Vulkan bedrohlich wird.

Kaum Zeit für Flucht

Die deutschen Forscher auf dem Merapi hingegen bestreiten, überehrgeizig zu sein. "Ich habe Frau und Kinder und würde mein Leben nicht für Daten aufs Spiel setzen", sagte Matthias Hort dem STANDARD. Indes: Wäre die jüngste Glutwolke anstatt nach Südosten nach Westen abgegangen, wo die Forschungsstation steht, wären die Vulkanologen in äußerster Lebensgefahr gewesen. Zwar gibt es dort einen Betonbunker, doch ob er dem glühenden Steinhagel standgehalten hätte, ist unklar. Zudem bliebe kaum Zeit für eine Flucht in den Bunker: Bis Menschen die mit Rennwagengeschwindigkeit gespenstisch leise talwärts rasenden Todeslawinen bemerken, ist es oft zu spät.

"Die Forschungsstation steht auf einer Anhöhe, doch die Ascheströme durchlaufen die Täler", beruhigt Hort. Außerdem breche der Merapi kaum einmal nach Westen hin aus. Zuletzt sei das im Dezember 1930 geschehen, als ein Ausbruch 1300 Menschen tötete. Eine Explosionsserie im Jahr 1872 löschte gar alle umliegenden Dörfer im weiteren Umkreis aus. Und vor 2000 Jahren erreichten Asche- und Schlammlawinen die 35 Kilometer südlich gelegene Stadt Yogyakarta. "Bei solchen Ereignissen hätten wir zwar keine Chance", räumt Hort ein, "aber eine große Eruption ist derzeit unwahrscheinlich."

Auf ähnliche Weise mögen sich auch jene indonesischen Vulkanologen beruhigt haben, die im Juli 2000 den unweit des Merapi gelegenen Feuerberg Semeru bestiegen. Am Fuße des Berges war alles ruhig, doch eine Eruption am Gipfel tötete zwei von ihnen und verletzte fünf. Sie trugen keine Schutzkleidung. "Asbestanzüge und Gasmasken behindern zu sehr bei der wissenschaftlichen Arbeit", verteidigt Schmincke die Laxheit seiner Kollegen: "Unfälle gibt es auch in anderen Berufen."

"Im Nebel wird es jedoch bedrohlich", gibt Hort zu. Auf dem italienischen Stromboli, der als spuckfreudigster Vulkan der Welt gilt, sei er einem Ausbruch einmal bedenklich nahe gekommen. "Die Einschläge kamen immer dichter, doch wir konnten sie nicht sehen durch den Nebel."

Ein Abenteuer sei es manchmal schon, bestätigt Schmincke. Vor Lavafontänen des Hawaii-Vulkans Kilauea habe er einst über glühende Lavaströme flüchten müssen, sodass die Schuhsohlen geschmolzen seien. Man entwickle mit der Zeit jedoch ein Gefühl dafür, welches Risiko man eingehen könne.

Den Vulkan vor einem Ausbruch rechtzeitig zu verlassen ist den Forschern kaum möglich. Sie können zwar bestimmen, ob ein Vulkan gefährlich ist, wann er ausbrechen wird aber nur ungenau. Gleichwohl konnten vor manchen Eruptionen nach Warnung von Vulkanologen tausende Menschen rechtzeitig evakuiert werden, etwa 1991 am Pinatubo auf den Philippinen. Je aktiver ein Vulkan ist, desto schwieriger ist die Prognose eines Ausbruchs. Dies gilt heute besonders für den Merapi, an dessen Flanken Millionen Menschen leben. (Axel Bojanowski/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 6. 2006)

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    Der Vulkan Merapi auf der indonesischen Insel Java ist nach dem Erdbeben Ende Mai aktiver denn je. Erst vor wenigen Tagen schickte er wieder eine tödliche Glutlawine über seine Flanke ins Tal. Deutsche Forscher arbeiteten gerade am Hang des Berges - allerdings auf der anderen Seite.

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