Schmerzverstärker im Rückenmark

17. Juni 2006, 11:00
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Wiener Forscher identifizierten Zellen, die Abnahme der Beschwerden verhindern

Wien/Washington - Erleidet ein Mensch eine Verletzung, tut das akut weh. Während der Heilung aber verschwinden die Schmerzen normalerweise wieder. Doch manchmal sind die Beschwerden unverhältnismäßig stark im Vergleich zu der Blessur oder bleiben sogar langfristig erhalten.

Wissenschafter um Jürgen Sandkühler vom Institut für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien haben jetzt bestimmte Zellen im Rückenmark als Schmerzverstärker identifiziert, die für dieses Phänomen verantwortlich sind, berichtet Science. "Wir haben bei Patienten häufig die Situation, dass nach Entzündungen oder Wunden die Schmerzen inadäquat stark sind", erklärt Sandkühler. "Bei manchen bleiben die Schmerzen erhalten, auch wenn die Verletzung schon ausgeheilt ist. Es gibt also einen Widerspruch zwischen dem objektivierbaren Befund und den Empfindungen."

Sandkühler untersuchte an Rückenmark- und Nervenpräparaten von Ratten und an narkotisierten Tieren die Funktion bestimmter Nervenzellen im Rückenmark. Dabei stellte er fest, dass die Zellen durch vergleichsweise schwache, unregelmäßige Schmerzreize aktiviert werden können, so dass sie als Verstärker wirken. Dieser Mechanismus kann auch über längere Zeit hinweg aufrecht bleiben.

"Nach unseren Forschungen hängt das mit dem Einstrom von Kalzium-Ionen in diese Zellen zusammen", schildert Sandkühler. Diese sind neben Blutgerinnung und Muskelkontraktion auch für Nervenerregung verantwortlich. Die neuen Erkenntnisse erlauben nun jene Stellen im Rückenmark zu identifizieren, die an solchen Abläufen beteiligt sind und eventuell neue Arzneien dagegen zu entwickeln.

Erst vor gut drei Jahren löste Sandkühler das Rätsel um die Phantomschmerzen. Entgegen der bis dahin vorherrschenden Meinung, fürs Schmerzgedächtnis sei das gesamte Schmerzsystem verantwortlich, zeigte der Forscher in "Science", dass nur eine kleine, bisher unbeachtete Gruppe spezieller Nervenzellen dafür verantwortlich ist. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18. 6. 2006)

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