Chronik eines angekündigten Absturzes

29. Juni 2006, 13:43
39 Postings

Der Fall Bawag hat eine jahrzehntelange Geschichte. Risiko­geschäfte und einsame Entscheidungen brach­ten das System zu Sturz

Die Szene war gespenstisch. Wie oft in den Wochen davor hatten am Freitag, dem 24. März 2006, die Bawag-Aufsichtsräte getagt, die Journalisten waren eingeladen, im Sitzungszimmer der Bankzentrale in der Wiener Seitzergasse die neuesten Entwicklungen rund um die Causa Karibikverluste und Refco serviert zu bekommen.

Das Publikumsinteresse war enorm, sogar die Stehplätze waren vergeben. Die Fotografen und Kameraleute stürzten sich auf die Szene, die sich ihnen bot: Flankiert von Beratern betrat das Führungsteam der Bank unter Ewald Nowotny den Raum; als Letzter, den Kopf gesenkt, die Augen zu Boden gerichtet, die Aktentasche umklammernd, nahm Aufsichtsratspräsident Günter Weninger auf dem Podium Platz. Was wenig später bekannt wurde: Weninger war in der Sitzung davor zurückgetreten.

Harakiri

Was folgte, war der offizielle Beginn vom Ende der alten Gewerkschaftsbank, die völlige Entzauberung des ÖGB als Bankeigentümer – und die an Harakiri grenzende Selbst-Demontage von Bawag-Kontrollor Weninger. Er sollte in den folgenden Minuten aufhören, die viel zitierte "graue Eminenz des ÖGB", der "mächtige ÖGB-Finanzchef" zu sein; er stülpte sich stattdessen coram publico in die Rolle eines der Hauptdarsteller der Causae Bawag und ÖGB.

Man konnte eine Stecknadel fallen hören, als Weninger mit steinerner Miene Bekenntnis ablegte. Ende 2000 sei er von Bankchef Helmut Elsner von den Verlusten aus Karibik-Geschäften mit Wolfgang Flöttl informiert worden. Die Bank habe keine Bilanz mehr erstellen können. Er habe dafür gesorgt, dass der Eigentümer ÖGB die Haftung für die Schulden übernahm. Der Streikfonds sei davon umfasst gewesen. Die Bawag-Miteigner, die Bayerische Landesbank, die Aufsicht – sie alle habe man nicht informiert. "Warum nicht?" Weninger: "Aus Gründen der Diskretion."

Diskreter Abstieg

Diskret hatte auch der Absturz der 1922 gegründeten "Arbeiterbank" begonnen. Es war Anfang der Neunzigerjahre, als kluge Köpfe an der Wall Street die neuen Systeme nützten, um neue Finanzprodukte zu ertüfteln. Die Welt der Finanzen und Finanzjongleure kannte keine Grenzen mehr, möglich wurde, was technisch möglich war, getan wurde, was Gewinn versprach.

In Wien war man vom blühenden Handel mit Derivaten und anderen komplexen Produkten noch weit entfernt. Erst recht in der vom biederen Walter Flöttl mit eiserner Hand geführten Gewerkschaftsbank. Die konzentrierte sich aufs Kerngeschäft einer dem ÖGB gehörenden und damit den Werktätigen verpflichteten Bank: auf günstige Kredite und gut verzinste Sparbücher.

Doch unbemerkt von der Öffentlichkeit begannen sich alte Gewerkschaftswelt und neue Finanzwelt miteinander zu verbinden. Die Verknüpfer hießen Flöttl – Walter und Wolfgang.

"Mister Flottl"

Walter F.– selbst frei von akademischen Weihen und voll des Stolzes ob seines viel versprechenden Sohnes – hatte Wolfgang F. eine gute Ausbildung verschafft. Er schickte ihn studieren, ließ ihm eine Ausbildung an der Harvard Business School zuteil werden (siehe Who is who? - Die Bawag-Mitspieler) – und "Mister Flottl", wie der Junior in seiner Wahlheimat New York genannt wurde, machte seinen Weg. Gründete ein Unternehmen, die Ross Capital, machte und naschte mit an Übernahmen, heiratete eine Eisenhower-Enkelin. Als sich Wolfgang Flöttl ins Derivativgeschäft begab, war letztlich auch das Schicksal der Bawag besiegelt.

Denn der Bawag-Chef hatte beschlossen, dem Sohn Hunderte von Millionen Schilling anzuvertrauen, auf dass dieser sie vermehre – was schließlich auch die Gewinnaussichten für den ÖGB erhöhte.

Der Haken an der Geschichte: Nicht alle waren informiert, was sich 1994 mit dem Auffliegen dieser "ersten Karibik-Geschäfte" schlagartig änderte. Was folgte, waren ein Sturm der Entrüstung, eine Untersuchung der Notenbank und der Auftrag des Finanzministers, solche riskanten Geschäfte, wenn überhaupt, nur noch unter strengen Auflagen zu tätigen. Die Bawag behauptete stets, mit Gewinnen aus der Karibik ausgestiegen zu sein – Beweise dafür wurden jedoch bis heute nicht vorgelegt.

Im Mai 1995 ging Flöttl mit 71 Jahren und als "Monument" (ÖGB-Präsident Fritz Verzetnitsch) in Pension. Sein Zuhause hatte er längst auf dem Dach (600 Quadratmeter) eines Bawag-Hauses in der Wiener City gefunden, leider weise die Wohnung "jede Menge langer, dunkler Gänge auf, da können Sie nicht einmal Bilder aufhängen", tröstete Flöttl schlechter Wohnende, als er ob seiner Bleibe neben Verzetnitsch in die Schlagzeilen geriet.

Wiederaufnahme

Ein Jahr später, Narziss Helmut Elsner hatte Monument Flöttl beerbt, sahen die Bilanzen der Bawag grau und fad aus. "Die Karibik-Gewinne fehlten uns", erzählte Elsner später. Doch das sollte rasch anders werden. Noch 1995 ließ er die Geschäfte wiederaufnehmen – mit wenig Erfolg, wie sich im Oktober 1998 zeigte. Flöttl Junior hatte sich verspekuliert, 639 Millionen Dollar waren in den Tiefen der Karibik verschwunden.

Und wieder machte sich das autoritäre System Bawag (vermeintlich) bezahlt. In einer Vorstandssitzung am 26. Oktober gab Elsner seine Rettungsidee vor: Flöttl tritt seine Vermögen an die Bawag ab, bekommt weitere 250 Mio. Dollar von der Bank, um die Verluste "zu kompensieren" – und Elsner erteilte die Weisung, "nach allen Richtungen Stillschweigen zu bewahren".

Weder die Bayern (die 46 Prozent der Aktien hielten) noch der ÖGB (außer Weninger) noch der restliche Aufsichtsrat durften informiert werden. Nur einer, Christian Büttner, stimmte dagegen. An Bord der Bank blieb er trotzdem.

Blitzkredit

Den letzten Dominostein zum Fall der Bank warf der Bawag-Vorstand (bereits unter Johann Zwettler) im vorigen Herbst selbst um. Per Blitzbeschluss vergaben ein paar der Bawag-Chefs einen Kredit von 425 Mio. Euro an den langjährigen US-Partner Refco.

Was in der Karibik mit Wolfgang Flöttl begonnen hatte, sollte also in New York enden. Denn erst die Forderungen der Gläubiger des US-Brokerhauses lösten jene Flutwelle aus, die das Gerippe Bawag zum Vorschein brachten. (Renate Graber, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 17./18.6.2006)

  • Früher, in der alten Bawag: die Bankchefs Josef Schwarzecker, Johann Zwettler, Helmut Elsner, Hubert Kreuch und Christian Büttner (v.l.).
    foto: standard/andy urban

    Früher, in der alten Bawag: die Bankchefs Josef Schwarzecker, Johann Zwettler, Helmut Elsner, Hubert Kreuch und Christian Büttner (v.l.).

Share if you care.