Tempel für die "Ursprungskunst"

16. Juni 2006, 18:37
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Das neue gigantische Musée du Quai Branly in Paris ist der Kunst der afrikanischen, asiatischen, ozeanischen und amerikanischen "Ursprungsvölker" gewidmet

Wien/Paris – Ein Staatspräsident muss Spuren im Stadtbild von Paris hinterlassen. Diesem informellen französischen Gesetz entsprechend, steht, nach dem Centre Pompidou und Mitterands Louvre- Pyramide, am 20. Juni die Eröffnung eines weiteren gigantischen Museumsprojekts an, das der Kunst der afrikanischen, asiatischen, ozeanischen und amerikanischen "Ursprungsvölker" gewidmet ist. Der Begriff der "l'art primaire" mit seiner nüchternen wissenschaftlichen Aura wurde dabei an Stelle der früheren "art primitif" gesetzt, um jeden Verdacht der Geringschätzung zu zerstreuen.

Es sei ein weltweit einzigartiges Unterfangen, "Ursprungskunst" auf einer Ebene mit moderner zeitgenössischer Kunst Europas zu zeigen, hieß es auf einer Pressekonferenz, die der französische Botschafter in Wien, Pierre Viaux in der vergangenen Woche veranstaltet hat.

Diesmal ist es Staatspräsident Jacques Chirac, der sich in die (Kultur-)Geschichte einschreiben will, und wie seine Vorgänger hat auch er nicht gekleckert: Die Errichtung des einen (sehr weiten) Steinwurf vom Eiffelturm entfernten, an der Seine gelegenen Musée du Quai Branly hat 204 Mio. Euro gekostet, die Betriebskosten sollen sich auf jährlich 44 Mio. Euro belaufen. Das nach Entwürfen des Architekten Jean Nouvel gebaute Museum ist im Besitz von mehr als 300.000 Exponaten aus Afrika, Asien, Ozeanien und den beiden Amerika, die über die Jahrhunderte hinweg nach Frankreich transferiert wurden. Lediglich ein Teil davon wird auf dem 39.000 Quadratmeter großen Areal gezeigt.

"Das ist ein Ort, der von des Symbolen des Waldes und des Flusses beherrscht wird, von den Obsessionen des Todes und des Vergessens", schreibt Nouvel in seiner Projektbeschreibung und spielt damit auf eine riesige, horizontal gestellte Blumenrabatte an, die das Gebäude von außen schmückt. Noch ist unklar, ob das Projekt größeren Unmut über die französische Kolonialgeschichte provozieren wird – bis dato hält sich die Aufregung in Grenzen. (win/ DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Christoph Winder


Das Musee du Quai Branly wird am 20. Juni eröffnet; das Publikum hat ab dem 23. Juni Zutritt (Di–Do 10–18.30 Uhr, Do 10–22 Uhr).


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    Noch wird gearbeitet am Museum, dass am 23. Juni seine Tore für die Öffentlichkeit öffnet.

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