Jedem Talent seinen Showdown: Der Film "American Dreamz"

16. Juni 2006, 17:44
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US-Regisseur Paul Weitz' höchst unterhaltsame Mediensatire mit schön ausgedachten verbalen Schlagabtäuschen

Wien – Der US-Präsident (Dennis Quaid) hat ein Erweckungserlebnis. Dieses ist allerdings nicht religiöser Natur. Vielmehr wirft er am Morgen nach seiner Wiederwahl einen Blick in die Zeitung und wundert sich erstens über seine schlechten Kritiken und zweitens über all die interessanten Dinge, die es dort sonst noch zu lesen gibt. Die wartenden Journalisten will er nicht mehr sehen. Stattdessen nimmt er sich eine Auszeit, um Wissenswertes über "Irakistan" und den Rest der Welt zu studieren.

Zur selben Zeit anderswo: In einem Trainingscamp für Terroristen irgendwo im Nahen Osten müht sich ein freundlicher junger Mann (Sam Golzari) nach Kräften, die Erwartungen seiner bärtigen Ausbildner zu erfüllen. Damit alle das Gesicht wahren können, wird er zu Verwandten in die USA geschickt, um dort als (ewiger) Schläfer seine Pflicht zu erfüllen.

Die Synthese dieser beiden Schauplätze – das Territorium, auf dem der Präsident mit den sinkenden Popularitätswerten und sein überraschend aktivierter Staatsfeind im Michael-Jackson-Kostüm einander schließlich gegenüberstehen werden – ist die TV-Talentshow American Dreamz. Und American Dreamz, der Film, geschrieben und inszeniert von Paul Weitz, ist folglich in erster Linie eine Mediensatire. Gesellschaft und Politik sind aus seiner Perspektive bereits ganz von medialer Wahrnehmung und Medienkonsum durchdrungen. Alle Hoffnungen auf Erfüllung des amerikanischen Traums haben sich in dieser Sphäre konzentriert (und kommerzialisiert).

Das ist auf den ersten Blick nicht rasend neu. Auch bösartigere Verulkungen von Medien und Politik hat man schon gesehen, etwa in Joe Dantes Second Civil War, an den American Dreamz bisweilen erinnert. Trotzdem ist letzterer derzeit eine der unterhaltsamsten Hollywood-Produktionen. Was nicht nur an den schön ausgedachten verbalen Schlagabtäuschen liegt, sondern auch daran, dass die Erzählung auf ein breites Spektrum von Schauplätzen und Milieus baut und dort mit einer Vielzahl an liebevoll besetzten Figuren operiert.

Heiteres Rollenspiel

Man wohnt auf diese Weise jeder Menge Minidramen bei. Immer wieder gibt es Momente, in denen nicht zuletzt der Spaß der Akteure an ihrem Rollenspiel sichtbar zu werden scheint – wenn etwa Marcia Gay Harden als First Lady mit Hang zu "happy pills" im Hintergrund durchs Bild schlurft oder sich abwesend in ihre Seite des präsidialen Ehebetts kuschelt, während der Stabschef (Willem Dafoe) sich empfindlich am neuen Eigensinn ihres Mannes stößt.

Wenn der britische Zyniker und American Dreamz-Host Martin "Tweedy" Tweed (Hugh Grant) in einem karrierebewussten All-American- Girl (Mandy Moore) seine Meisterin findet. Oder die irakischen Exilanten aus der Oberklasse in Orange County geflissentlich die "Amerikanisierung" ihres buchstäblich mit Goldbesteck aufgezogenen Nachwuchses übersehen.

American Dreamz ist in der Ausgestaltung dieser einzelnen Szenen und Soziotope in jedem Fall liebevoller und pointierter als hinsichtlich seines Gesamtzusammenhangs. Die Einzelteile treiben mitunter auseinander – was das Vergnügen an ihnen nicht schmälert, aber die Wirkung des Films insgesamt ein wenig beschränkt. Trotzdem hält er temporeich bis zum Schluss Überraschungen bereit.

Weitz, der erste Erfolge mit dem Teenie-Ulk American Pie feierte und zuletzt mit In Good Company (ebenfalls mit Dennis Quaid) einen soliden sozialkritischen Unterhaltungsfilm drehte, etabliert sich damit endgültig als ernst zu nehmender Komödienspezialist. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Isabella Reicher
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    foto: uip/glen wilson
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