Wolfgang R. Langenbucher: Konzentrierte Katastrophe Österreich

4. Juli 2006, 22:10
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Wolfgang R. Langenbucher im STANDARD-Interview über Österreichs alten Medienriesen und neuen Zeitungskriegen

Wolfgang R. Langenbucher zieht sich nach dem Sommer als Professor und Vorstand des Wiener Publizistikinstituts zurück. Harald Fidler fragte ihn nach Österreichs alten Medienriesen und neuen Zeitungskriegen.

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STANDARD: Ihren Rat gegen die aktuelle ORF-Krise haben Sie im STANDARD vor wenigen Tagen geschrieben: "Radikale Wende der Rundfunk- und Programmpolitik, die ihn vom Wettbewerb mit den Kommerzsendern tendenziell abkoppelt und ihm eine neue, zukunftsträchtige Identität als Rundfunk der Gesellschaft" gibt. Und: Raus aus dem Ressort Machtpolitik. Seit Sie 1984 als Professor und Vorstand des Wiener Publizistikinstitutes angetreten sind, hat sich Österreichs Printlandschaft gravierend verändert.

Langenbucher: Im Vergleich zu anderen Ländern gab es eine starke verlegerische Dynamik. Dass man die aber in einen solchen Konzentrationsprozess entlässt, halte ich für eine Katastrophe.

STANDARD: Eine Grundkonstante dieses Landes ist die "Kronen Zeitung". Sie haben einmal im STANDARD geschrieben, über deren heimliche, unheimliche Macht müsste man ein dickes, analytisches Buch herausbringen. Sie haben ab September mehr Zeit dafür.

Langenbucher: Das ist eines der großen Rätsel, dass der große gesellschaftliche Wandel, auch der Bildungsstruktur, diese Zeitung nicht in eine Krise geführt hat. Sie spielt weiter diese Rolle. Ich weiß nicht, ob man darüber ein Buch schreiben kann, solange darüber nicht seriöse Forschung angestellt wurde.

STANDARD: Was ist an der "Krone" – abgesehen von ihrer gewaltigen Reichweite – so eigen?

Langenbucher: Sie gleicht so wenig einer normalen Zeitung. Sie verweigert sich normalem Journalismus, gießt fast alles in die Form der Kampagne, setzt Themen im Gleichschritt mit politischen Einflussgrößen und persönlichen Verbindungen des Herrn Dichand. (Hans, Herausgeber, Hälfteeigentümer der "Krone")

STANDARD: Auch "Bild" fährt Kampagnen.

Langenbucher: Dort ist das mehr ein Anfallsphänomen. Obwohl es dort in letzter Zeit stark zugenommen hat.

STANDARD: Ist Österreichs Medienkonzentration mit deutschen, mit internationalen Maßstäben zu messen? Ende der Achtzigerjahre "Krone" und "Kurier" zur Mediaprint, 2001 dann die große Magazinfusion mit Achse zum "Kurier".

Langenbucher: Die beste Vergleichsmöglichkeit ist vielleicht Deutschland. Dort hat man irgendwann beschlossen, den ständigen Konzentrationsprozessen eine Grenze zu setzen. In Österreich hingegen fehlt der politische Wille dafür. Natürlich kann ich die Republik einfacher regieren, wenn ich nicht dutzende Medien bespielen muss, sondern im Grunde nur zwei, zweieinhalb. Das Denken der Politik müsste sich wandeln, um einen Wandel der Medienstruktur hervorzubringen.

STANDARD: In Deutschland gibt es regelmäßige Anläufe, die strengen Regeln zu lockern.

Langenbucher: Aber das scheint nicht leicht zu sein. Dass nicht ins Uferlose konzentriert werden kann, ist doch ein wichtiger Teil einer Kommunikationskultur.

STANDARD: Was erwarten Sie vom Zeitungsprojekt der Brüder Fellner?

Langenbucher: Die einzige Möglichkeit, auf diesem Markt der Tageszeitung zu reüssieren, ist, nachwachsende Nichtleser zu Lesern zu machen. Dass man in die bestehenden Lesermärkte einbrechen kann, halte ich für ganz unwahrscheinlich. Die Frage ist, ob das neue Fellner-Produkt nur eine Hochglanz-"Krone" wird. Was die Fellners bisher vorgelegt haben, hat mich journalistisch nie überzeugt. Das ist für mich, was Sigrid Löffler einmal Mickymaus-Journalismus genannt hat.

STANDARD: Wie viele Studenten hatte die Publizistik, als Sie angefangen haben?

Langenbucher: Absolventen hatten wir etwa 30 pro Jahr. Eingeschrieben waren sicher 800 bis 1000. Effektiv studiert haben vielleicht 400 bis 500. Heute halten wir bei mehreren 1000 und 400 Absolventen. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Zur Person

Wolfgang R. Langenbucher (68, geboren in Pforzheim) ist seit 1984 Professor und (kurz unterbrochen) Vorstand des Wiener Publizistikinstituts. Ende September emeritiert er, diese Woche schon wurde er mit einer Gala verabschiedet. Mit Aktionen und warnenden Briefen an Maturanten protestierte er 2001 gegen die Studienbedingungen. In den vergangenen Jahren widmete er sich stark der Journalismus- forschung. Zuletzt gab er zusammen mit Michael Latzer im Verlag für Sozialwissenschaften "Europäische Öffentlichkeit und medialer Wandel" heraus. Europa- kommunikation soll sich auch der Nachfolger auf seinem Professorenjob widmen, der derzeit aus einem Dreiervorschlag ausgewählt wird.

Nachlese

Ist der ORF noch zu retten? - Kommt darauf an ..., meint Wolfgang R. Langenbucher

  • "Was die Fellners bisher vorgelegt haben, hat mich journalistisch nie überzeugt": Publizistikchef Langenbucher.
    foto: der standard/fischer

    "Was die Fellners bisher vorgelegt haben, hat mich journalistisch nie überzeugt": Publizistikchef Langenbucher.

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