Vietnamisierung oder Somalisierung?

Redaktion, 5. Juli 2006, 17:00
  • André Glucksmann: "Entweder finden wir
uns mit einer allgemeinen Somalisierung ab und suchen
Zuflucht in einer illusionären
europäisch-asiatischen Festung. Oder wir lassen ein demokratisches, militärisches
und kritisches Europa-Atlantik-Bündnis wieder aufleben."
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    André Glucksmann: "Entweder finden wir uns mit einer allgemeinen Somalisierung ab und suchen Zuflucht in einer illusionären europäisch-asiatischen Festung. Oder wir lassen ein demokratisches, militärisches und kritisches Europa-Atlantik-Bündnis wieder aufleben."

Es zeugt von Naivität zu meinen, die USA hätten sich im Irak in ein "zweites Vietnam verwickelt", meint der Philosoph André Glucksmann im Kommentar der anderen

Eine knappe Woche Anfang Juni 2006 genügte, um unsere Träumer vom ewigen Frieden daran zu erinnern, dass das Chaos unerbittlich anhält.

Das kleine Osttimor, das von einem ehrenwerten Nobelpreisträger regiert und mit Wohlwollen der UNO überhäuft wird – versinkt in Plünderungen und blutiger Gewalt: Meuternde Soldaten legen die Lunte ins Pulverfass latenter politisch-sozialer Konflikte. In Afghanistan tauchen die vor vier Jahren zersprengten Taliban massiv wieder auf. In Somalia sichern mit Maschinengewehren gespickte Pick-ups und Gelände^wagen den Triumph der schlimmsten Fanatiker, und die islamischen Gerichte beschließen unverzüglich die Übertragung des satanischen Spiels der Fußball-Weltmeisterschaft zu verbieten. Und der Irak trauert jeden Tag um mehrere Zivilisten, die von den blutrünstigen Nostalgikern Saddam Husseins enthauptet, in die Luft gesprengt oder erschossen werden.

Verspätetes Eingreifen

Die geistige Sünde der westlichen Militärs bestand lange darin, mit einem Krieg verspätet in herrschende Konflikte einzugreifen. Diese Entschlusslosigkeit befällt nun auch pazifistische Führungsstäbe, die sich mit Scheinlehren aus der Vergangenheit ablenken und Washington vorwerfen, sich in ein "neues Vietnam" zu verwickeln.

Nichts ist naiver: Zarkawi war nicht Ho Chi Minh. Der Irak hat 30 Jahre schrecklicher, totalitärer Diktatur hinter sich und nicht drei Jahrzehnte antikolonialer Auflehnung gegen Frankreich, Japan, erneut gegen Frankreich und dann gegen die Vereinigten Staaten, die nolens volens an dessen Stelle traten. Es gibt keine geopolitischen Begründungen, die es erlauben würden, die aktuellen Wirren im Irak in das Schema des letzten heißen Krieges aus der Zeit des Kalten Krieges, der zum Glück der Vergangenheit angehört, zu drücken.

Die Gefahr, die der irakischen Gesellschaft droht, ist nicht die Vietnamisierung, sondern die "Somalisierung".

"Restore Hope"

Man erinnere sich an die Landung einer multinationalen und von der UNO unterstützten Truppe unter US- amerikanischer Führung in Mogadischu (Operation "Restore Hope" 1993). Es galt das Überleben einer ausgehungerten und von zwei rivalisierenden Gruppen massakrierten Bevölkerung zu sichern. Nachdem 19 dieser Soldaten ums Leben gekommen waren, zogen die GIs wieder ab.

Die Folgen sind bekannt: Clinton, der sich die Finger verbrannt hatte, schwor "niemals wieder" und lehnte ein Jahr später (April 1994) eine Intervention in Ruanda ab. 5000 Blauhelme hätten dort ausgereicht, um den Genozid zu stoppen, der einer Million Tutsis innerhalb von drei Monaten das Leben kostete (punkto Verhältnis Zeit/Opfer schlägt dies den Rekord von Auschwitz).

Millionen Tote

Die Folgen der Folgen sind ebenso bekannt. Die Pest der Vernichtung breitete sich auf Zentralafrika aus, im Kongo und in den angrenzenden Gebieten zählte man Millionen Tote. In Somalia herrschen heute die bewaffneten Banden der "islamischen Gerichte" und im Horn von Afrika droht ein neues Afghanistan der Taliban zu entstehen.

Die Architekten der Konflikte differieren. In Timor zeichnet die UNO verantwortlich. Die Nato (mit einer starken europäischen Beteiligung) in Afghanistan. Das Pentagon im Irak. Dennoch überschneiden sich die Situationen, da der zu kontrollierende und niederzuschlagende Gegner grundlegend derselbe ist.

Somalia-Modell

Ein reduziertes Somalia- Modell verbreitet sich auf dem Planeten. Die Bevölkerung – als Geisel genommen, verängstigt, geopfert – wird zur Kriegsbeute der lokalen Bandenführer ohne Glaube und Moral. Unter dem Banner flüchtiger Vorwände – Religion, Ethnie, zusammengepfuschte rassistische oder nationalistische Ideologien, verzerrte Erinnerungsgebote – streiten sich mit Kalaschnikows bewaffnete Gruppen um die Macht. Sie kämpfen weniger untereinander als gegen Zivilisten, die 95 Prozent der Opfer ausmachen, Frauen und Kinder an erster Stelle.

Der Terrorismus, definiert man ihn als bewussten Angriff gegen Zivilisten, ist nicht allein den Islamisten vorbehalten. Vergessen wir nicht, dass diese Vorgehensweise von einer regulären Armee (die von orthodoxen Popen gesegnet wird) und Milizen, die dem Kreml zu Befehl stehen, in Tschetschenien angewendet wurde und wird, wo zehntausende Kinder unter den Toten sind. Wenn sich die Mörder auf den Koran berufen, bezahlen ebenfalls hilflose, muslimische Unbeteiligte mit ihrem Leben. Somalia ist die Versuchsstätte in vivo der Abscheulichkeit der Abscheulichkeiten: dem Krieg gegen Zivilisten.

Umbruch

Zwischen 1945 und 1989, als die Berliner Mauer fiel, war der Krieg zwischen den Blöcken kalt, sowohl in Europa als auch in Nordamerika. Überall sonst fanden Revolutionen und Konterrevolutionen, Staatsstreiche und Massaker mit Millionen Opfern statt. Noch nie in der Geschichte wurden menschliche Gesellschaften dermaßen erschüttert wie in diesem kurzen halben Jahrhundert, in dem die ungerechten Kolonialreiche zusammenbrachen und Befreiungskriege, Erhebungen und Aufstände allerdings nur zu oft neue, mehr oder weniger totalitäre Gewaltherrschaften hervorbrachten.

In diesen Wirren gerieten tausendjährige Traditionen aus den Fugen. Regierungsformen, Bräuche und über Jahrhunderte bestehende Bande wurden zerstört. Am Ende der globalen historischen Erschütterung haben zwei Drittel der Menschheit ihre Bezugspunkte verloren. Weder können sie ihr früheres Leben weiterführen, noch haben sie Zugang zur friedlichen Existenz der Bürger westlicher Rechtsstaaten.

Überall auf der Welt bestehen Brutstätten junger und weniger junger Kämpfer weiter, die halb nackt oder in Uniform gleichermaßen begierig sind, um jeden Preis Heim, Rangabzeichen, Frauen und Reichtümer zu erobern. Auch wenn sie für die unumschränkte Herrschaft mit Maschinengewehr und Mörser die ländlichen Gebiete und riesigen Elendsviertel mithilfe von Autobomben und Selbstmordattentätern kontrollieren müssen.

Krieg vorbei, aber die Krieger sind immer noch da

In diesen Brutstätten schöpfen ambitiöse und skrupellose Staaten, die verschiedene Formen des Terrors unterstützen, aus dem Vollen, um über den Weg der Zerstörung zur Macht zu gelangen. "Der Krieg von 1914–1918 ist aus, aber die Krieger sind immer noch da", prophezeite Ernst von Salomon zu Beginn der Weimarer Republik (1920), und aus diesen Soldaten mit halbem Sold nährten sich Hitlers Sturmtruppen. Beim Zerfall der Sowjetunion warnte der Dissident Vladimir Bukovski: "Der Dragoner ist tot, aber die Dragonaden weiten sich aus." Und so verwüsteten die ehemaligen roten Armeen unter Milosevic das ehemalige Jugoslawien und unter Jelzin und Putin den Nordkaukasus.

Wäre es besser gewesen, Saddam Hussein nicht zu stürzen und ihm so zu erlauben, ein weiteres Jahrzehnt sein schreckliches Register an Folter, Verstümmelungen und Leichen zu vervollständigen – mit ein oder zwei Millionen Opfern in einem viertel Jahrhundert? Den Morddrohungen zum Trotz haben sich die Iraker bereits dreimal bei steigender Beteiligung auf den Gang zu den Urnen begeben und scheinen den Sturz des Diktators nicht zu bedauern.

Abzug?

Empfiehlt es sich, die GIs und ihre Verbündeten wie in Somalia auf der Stelle wieder abzuziehen? Selbst die extrem antiamerikanischen Regierungen, selbst die Starrsinnigsten wie Frankreich drücken die Daumen, dass es nicht so weit kommt und dass die Verbündeten das Land nicht den Halsabschneidern überlassen.

Der Kampf gegen die "Somalisierung" des Planeten hat eben erst begonnen und wird wahrscheinlich im 21. Jahrhundert vorherrschend bleiben. Wenn sie den Sirenen des Isolationismus widerstehen, werden die Amerikaner aus ihren Fehlern lernen. Europa wird sich entweder dazu entschließen, sie zu unterstützen, oder sich dem Öl-Zaren Putin hingeben, der bereit ist, den alten Kontinent mit Predigten über den antiterroristischen Terrorismus von seiner Haltung zu überzeugen, in denen er die Verwüstung Tschetscheniens als Beweis anführt.

Wenig Zeit

Die Herausforderung der selbstständigen Kämpfer, die Sklaven ihrer Beliebigkeit sind, lässt wenig Zeit für Ausflüchte. Entweder finden wir uns mit einer allgemeinen Somalisierung ab und suchen Zuflucht in einer illusionären europäisch-asiatischen Festung. Oder wir lassen ein demokratisches, militärisches und kritisches Europa-Atlantik-Bündnis wieder aufleben. (DER STANDARD, Printausgabe 17./18.6.2006)

Zur Person

Der Philosoph André Glucksmann publizierte im deutschen Sprachraum zuletzt das Buch "Hass. Die Rückkehr einer elementaren Gewalt"

Übersetzung des vorliegenden Artikels aus dem Französischen von Veronika Thiel.

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19 Postings
Gegen den Hunger, für Bildung

Herr Glucksmann sollte mal bedenken, dass eine weltweite Kampagne gegen den Hunger und für Bildung mehr Frieden bringen würde als alle militärischen Interventionen.
Die Welt an sich ist reich, nur die ungleiche Verteillung der Güter schafft immer wieder Konflikte.
Aber es scheint ja viel einfacher zu sein mit schon vorhandenem"Kriegsspielzeug" draufzuschlagen, als sich konstuktiv am Aufbau einer für alle guten Welt mit Worten und Taten zu beteiligen

da aber

in korrupten Diktaturen eine "gerechte" Verteilung der Güter nicht möglich ist und es keine ubnternehmerische Freiheit gibt, die der Allgmeinheit Wohlstand bringen könnte, ist es nicht möglich, mit einer "Kampagne gegen Hunger" in solchen Staaten auch nur einen Deut die Lage der Bevölkerung zu verbessern. Dafür gibt es genügend Beispiele in der ganzen Welt.

Ein Philosoph der Gewalt...

Statt sich mit den Ursachen der "Somalisierung" zu befassen (was einem Philosophen wohl anstünde), schlägt er gewaltsame Symptombekämpfung vor.
Wobei die Sicherheit bewundernswert ist, mit der er weiss, wer gut und wer böse ist - und z.B. vergisst, wer Saddam und die Taliban erst gemacht hat.
Ein Kommentar mit Stammtischniveau

Niemand hindert Sie daran, zu posten,

was Sie für die Ursachen der Somalisierung halten ....

Aber statt Ihre Analyse der Ereignisse in Somalia in - sagen wir mal den letzten 20 Jahren - zum Besten zu geben, hacken Sie nur auf Glucksman herum ...

Und Saddam gemacht ? Saddam hat sich selbst gemacht. Wobei ihm einzig und alleine die Baath-Partei "behilflich" war.
Und eine klassische proamerikanische Partei ist die Baath-Partei sicher nicht.
Eine klassische kommunistische aber auch nicht.

Schön, daß der Kommentar wenigstens im WebStandard (im Gegensatz zum PrintStandard) vollständig "abgedruckt" ist. Trägt nicht unerheblich zum Verständnis bei.

Ein Gluck für Bush und Blair

sind totalitäre Philosophen wie dieser Mann. Er hat die Seiten, aber nicht das Outift gewechselt. Zur Tarnung offenbar. Gelebt jedenfalls hat er vor und nach seiner Bekehrung zum Kapitalismus vom Predigen radikaler Vorgangsweisen.

Missionare sind das größte Unglück: ob sie rot, schwarz oder grün sind, ob sie Allah, das Kapital oder Stalin preisen.

Ich kann sie nicht leiden.

Endlich ein Plädoyer gegen die denkfaulen Möchtegernpazifisten

Ja und der Dalai Lama ist auch jemand der totalitär ist
und überhaupt dem durchschnittlichen Mitteleuropäer gehört die Macht, wie eh und je, alle die aus Kriegsgebieten fliehen müssen, wollen doch nichts anderes als Sklaven sein in diesem Europa, das von Demokratie redet, aber dieses Privileg auf Kosten anderer aufbaut, man holt sich die Besten, die dürfen als Flüchtlinge hier unsere Klos putzen und zündelt, zündelt, zündelt. Dass hier der Durchschnitt bestimmt was mit anderen Menschen passiert kratzt nicht, denn man will ja hierzulande nichts anderes als bequemen Durchschnitt leben.
Fressen-Vögeln-GolfSpielen und gut verdienen

Falls Sie Ihren stream of consciousness

zu Argumenten zu ordnen in der Lage sind, können wir vielleicht diskutieren.

Wohltuend

Hervorragende Analyse, die endlich mit dem lächerlichen Vietnam-Irak-Vergleich aufräumt (die einzige Gemeinsamkeit der beiden Konflikte besteht darin, dass eine reguläre Armee gegen "Rebellen" kämpft - Stichworte insurgency-counterinsurgency) und gleichzeitig die einzig akzeptable Lösung der Problematik anbietet.

Dies natürlich unter der Voraussetzung, dass man einerseits für die betroffenen Konfliktgebiete Demokratisierung und Frieden wünscht und andererseits nicht eine immer stärkere Verwässerung der westlich-freiheitlich-demokratischen Kultur und Strukturen Europas befürwortet.

Der Autor schafft es doch wirklich,

die Welt feinsäuberlich in Gut und Böse zu trennen.
Ein so gestochen scharfes Schwarz-Weiß Bild habe ich noch selten von einem intelligenten Menschen vermittelt bekommen.
Dass es da auch Poster geben muss, denen vor lauter Begeisterung die Zeichen ausgehen, war zu vermuten.
Wir sind ja doch die Guten !

Und wo sind jetzt die Poster denen vor lauter Begeisterung die Zeichen ausgehen?

Meinen Sie etwa "slow motion"? Wo sehen sie da Begeisterung?

Ein demokratisches Europa-Atlantik Bündnis...

das ist genau so illusionär, wie alles, was Glucksmann seit Beginn des Jugoslawien-Krieges von sich gegeben hat.

Während in Kroatien nationalistische Tendenzen fröhliche Urständ' feierten, meinte er, "heutzutage müsse man Kroate sein".

Sein Verständnis des Bosnien-Konfliktes verdankt er einer halben Stunde in einem gepanzerten UN-Transporter.

Es mag sein, dass Intellektuelle anderen Ansprüchen genügen müssen, aber dass gerade aus Frankreich, dem Ursprungsland der "Vernunft", derartige Töne dringen, macht doch nachdenklich. Gut nur, dass Glucksmann daheim längst nicht mehr derartige Foren erreicht.

Zu "Die geistige Sünde der westlichen Militärs":

Glucksman irrt, wenn er behauptet, es sei die geistige Sünde der westlichen Militärs, zu spät in Konflikte einzugreifen.

Im demokratischen Westen sind es nicht die Militärs, die über einen Militäreinsatz zu entscheiden haben, sondern die Politiker. Die Militärs haben eine beratende Funktion, und können bei der Frage nach dem Wie gute Unterstützung bieten.

Aber die Frage, ob ein Militäreinsatz stattfindet, ist im demokrat. Westen immer von den Politikern zu entscheiden.

Daher müßte der Satz richtig lauten: die geistige Sünde der westlichen Politiker war schon immer, zu spät - wenn notwendig auch militärisch - in Konflikte einzugreifen.

Auch dem Irak wären 10 Jahre Saddam erspart geblieben, wenn man die 1991-Chance ergriffen hätte

Daß der demokratische Westen im Durchschnitt um 10 Jahre zu spät interveniert,

hat übrigens ein "gute" Tradition: sowohl in Sachen Jugoslawien als auch in Sachen Irak verschlief der Westen 10 Jahre. Im Falle Ruandas war es weniger.

Aber nicht nur das Verschlafen des frühen Zeitpunkts zur Intervention ist ein Markenzeichen des Westens, sondern auch die zögerliche oder halbherzige Intervention, der überstürzte Abzug z.B. nur wegen ein paar Fernsehbildern.

Daß Clinton aus Somalia abzog wegen einem Dutzend Toter US-Soldaten, hingegen Bush nicht abzieht trotz Tausender toter US-Soldaten, zeigt, daß die Frage des Wie und Ob eben mehr mit den Politikern zusammenhängt als mit den Militärs, auch deswegen, weil sich jeder Präsident denjenigen General, dem er Glauben schenken will, selbst aussucht.
Obwohl ...

.... andererseits auch der 11.September eine (Mit-)Begründung

für den Unterschied zwischen Clinton und Bush liefert, denn nach dem 11.September waren wohl die Voraussetzungen für Interventionen andere als vor dem 11.September.

Die Frage, wie Clinton in der Folge des 11. September agiert hätte, wäre eine interessante.

Aber so wie ich ihn einschätze, hätte er sich in den Irak eher nicht hineingetraut.

Clinton war Vietnam-traumatisiert, und daher auch sein spätes und zögerliches Eingreifen im Falle des Jugoslawiens/des Kosovo ("Nur ja keine Bodentruppen!"), was Milosevic zum Aussitzversuch bewegte, während Blair von Anfang an eine härtere und die letztlich auch erfolgreich praktizierte Gangart vorgeschlagen hatte. Und daher auch Clintons Entscheidung zum Nichteinsatz in Ruanda samt Folgen.

Die geistige Sünde der westlichen Völker, vor Interventionen zurückzuscheuen ????

So kann man es natürlich auch sehen ...

Daß westliche Politiker oft wider besseres Wissen nicht intervenieren, um einen Bürgerkrieg oder Völkermord zu verhindern, liegt auch daran, daß sie glauben, daß ihre Völker das niemals verstehen können und sie abwählen werden.

Die außenpolitischen Kenntnisse der westlichen Bevölkerungen sind viel geringer als die außenpolitischen Kenntnisse der westlichen politischen Eliten.

Daß Interventionen notwendig sein können, um Schlimmeres zu verhindern, wissen die politischen Eliten, aber Allzuviele der Wähler verstehen es nicht.

Und daher finden viele Interventionen, die Völkermorde oder Bürgerkriege verhindern könnten, nicht statt, weil die Völker ahnungslos sind und die Eliten nichterklärend.

"Daß Interventionen notwendig sein können, ... aber Allzuviele der Wähler verstehen es nicht. "

ich wär' mir da nicht so sicher.

nur den zusammenhang zwischen TV-bildern - zb mit den täglich in Spanien, auf den Kanaren, in Sizilien usw. auf untauglichen booten geschleppten kriegsgebeutelten, zuhause zukunftslosen jungen afrikanern - und der lahmheit und untätigkeit der westlichen politiker, der müßte hergestellt werden (wollen).

Mit den TV-Bildern meinte ich aber nicht Flüchtlinge am Mittelmeer

(wobei man die Gründe für diese Flüchtversuche über das Mittelmeer erst einmal ausdifferenzieren müßte), sondern die TV-Bilder von ein paar getöteten US-Soldaten in Somalia, die Clinton zum Abzug veranlaßten.

Und die fehlenden TV-Bilder von zahlreichen Innensichten von Diktaturen und Völkermorden.

Es existiert in einer Mediengesellschaft nur diejenigen Ereignisse, die in den Medien vorkommen, diejenigen Ereignisse, die zwar stattfinden, aber nicht in den Medien vorkommen, existieren auf eine gewisse Weise gar nicht.

Daß Saddam Hussein kein ganz normaler Präsident sondern der übelste Diktator im Nahen Osten, war für die Medien uninteressant; erst als die Amis intervenierten, wurde es für die Medien interessant.

P.S.(auch an Glucksman): Vergeßt Tschetschenien !

Tschetschenien ist einer der Konflikte, bei denen der Westen nichts oder nur wenig (nämlich mit Putin reden) tun kann, auch deswegen, weil Rußland zu mächtig ist.
Ähnliches gilt für Tibet. Was auch immer Rußland in Tschetschenien und China in Tibet machen, eine Intervention des Westen, egal, wie nötig sie aufgrund der Situation wäre, ist in diesen beiden Fällen absolut ausgeschlossen, schlicht und einfach deswegen, weil die Gegenmacht zu groß wäre.

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