Schwimmenten mit enormem Tiefgang

22. Juni 2006, 18:03
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Die Art Basel widmet sich mehr denn je der Oberflächengestaltung: Die Spitzenware gleicht immer mehr dem Design und der Tiefe des beliebten Zahlungsmittels, der Kreditkarte

Noch ist die Stimmung auf einer der wichtigsten Kunstmesse umsatzbedingt ausgelassen


Basel – Die Art Basel hat einen entscheidenden Nachteil: Verlässt man die Messehallen, ist man in Basel. Und eben deswegen hat Art-Basel-Direktor Samuel Keller vor ein paar Jahren die Art Basel in Miami erfunden: Dort verlässt man die Messehallen und ist am Strand, und wer dort am Strand ist, hat mindestens eine platinfarbene American- Express-Karte, und eben die auch an der Art-Basel-Miami- Beach nur eben gerade einmal so zum Glühen gebracht.

Vielleicht war es aber auch nur ein Innenarchitekt, der im Auftrag des Kunden nach etwas Reizvollem für übers Sofa (nachdem Anselm Kiefers Deutschland-Thrill in den USA schon nicht mehr so das Mark erschüttert, am besten ein wenig vom Neo Rauch'schen Ostblockschauder), oder für neben den Pool (am besten Jeff Koons' handkolorierte Schwimmenten, in der streng limitierten Täuschend-echt-Ausführung) oder für in den Garten (Franz- West-Wulste oder noch besser eine echt grauslige Paul- McCarthy-Bronze, Michael Jackson, fucked up, big head zum Beispiel) gesucht hat.

Etwas, das viele von seiner Art auch schon haben: Kunst mit möglichst vielen Nullen hinten dran, Kunst fürs Selbstbewusstsein als eben erst vermögend gewordener, und darob nachgerade anlagepflichtiger US-Wurstfabrikant. Auf ebendiese Kunst hat sich die Art Basel (wo immer sie auch stattfindet) spezialisiert. Eine unabhängige Jury sorgt dafür, dass nur die besten der besten Galerien zugelassen werden, um den besten unter den Besten der Sammler, das teuerste vom Teuersten in den neuen Reichtum zu liefern. Die Jury war unabhängig genug, die lästige historische Trennung von Galerie (worunter man einmal eine Produzentenvertretung mit volksbildendem Auftrag verstanden hat) und Dealer endgültig eine Absage erteilt zu haben. Dabei ist also, wer ein Player ist. Und ein Player ist, wer Unflätiges in Edelstahl oder Rotziges mit Wertgarantie oder Vielversprechendes mit langer Warteliste in seinem Portfolio hat.

Dank striktem Qualitätsmanagement ist die Art Basel endlich vulgär geworden, den Status als VIP belegt der (aktuelle!) Kontostand, und allerliebste Galerieassistentinnen sorgen dafür, dass der exklusiv eingeflogene Umsatzbringer auch wirklich nur exklusiv kauft. Sammler müssen schließlich betreut werden, weil allein finden die sich ja nicht zurecht, weil im Alltagsleben sind die sich ja selbst total entfremdet vor lauter Geldverdienen-Müssen. Die haben gar keine Zeit, sich um einen eigenen Kunstwillen zu kümmern, die brauchen Hilfe – die brauchen Art Unlimited, leicht fassbare und vor allem erprobte Freizeitvergnügen, Deko- Material für den nächsten Cocktailempfang, Belege für Weltgewandtheit, Beweisstücke für den freien Geist.

Achtung, Sammler!

Der aktuell geliebte Sammler ist jener, der sich mit der eigenen Erniedrigung einverstanden erklärt, der etwa ein Carsten-Höller-Ringelspiel aus Stahl und Spiegelfliesen kauft und sich dazu als Smalltalk-Text einreden lässt, es wäre ein Werk "about visual perception and the ways in which the body reacts to different stimuli". Arme Sammler, auf jedem Rummelplatz stehen Fahrgeschäfte zum Erkenntnisgewinn bereit, und die fahren zum Teil so schnell, dass Körpererfahrung ohne Anleitung durch einen Kurator möglich sein soll. Und: Sammler, Achtung! Art-Basel- Leiter Samuel Keller zieht sich zurück, wird ab dem Frühjahr 2008 nur mehr als Präsident der Art Kunstmesse AG dienen und nebenbei die sichere, weil weit gehend auf Klassisches spezialisierte Fondation Beyeler leiten. Bei Karrieren wie seiner ist es durchaus üblich, sich just dann zurückzuziehen, wenn der Spaß am größten ist, dann, wenn das berühmte Pendel zum Gegenschwung ansetzt.

Und dann könnte etwa augenscheinlich werden, dass die große Sylvie-Fleury-Installation, die durch die Galerie Sprüth Magers Lee Einzug in die Baseler Halle für Art Unlimited gefunden hat – High Heels on the Moon (First Spaceship Venus 20) –, erstens kaum einen Wiederverkaufswert hat und bei nüchterner Betrachtung auch sonst recht leer erscheint: aufgeblasener Kitsch, Geborgenheitsmobiliar für den globalisierten Partykeller, Saisonware, mit einer Halbwertszeit eines Lynda-Benglis-Videos oder eines sprechenden Julius-Popp- Wasservorhangs. (DER STANDARD, Printausgabe, 17./18.6.2006)

Von Markus Mittringer
  • Carsten Höller erprobt die unendlichen Möglichkeiten seiner Vertretung: "Mirror Carousel" angeboten durch den Marktführer Gagosian.
    foto: art basel

    Carsten Höller erprobt die unendlichen Möglichkeiten seiner Vertretung: "Mirror Carousel" angeboten durch den Marktführer Gagosian.

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