Redakteurssprecher der Auslands- korrespondenten an "Runden Tisch"

26. Juli 2006, 12:29
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Susanne Scholl und Raimund Löw wünschen sich das Selbstverständnis der BBC auch für den ORF

An die Teilnehmer des "Runden Tisches" - Generaldirektorin Lindner hat Vertreter der ORF-Geschäftsführung, der Belegschaft, des Publikums- und Stiftungsrats eingeladen - wenden sich die Redakteurssprecher der ORF-Auslandskorrespondenten Susanne Scholl und Raimund Löw. Der Text im Wortlaut:

"Sehr geehrte Damen und Herren,

Mit großem Interesse verfolgen auch wir Korrespondenten vom Ausland aus die öffentliche Diskussion um Situation und Zukunft des ORF, die durch die Rede von Armin Wolf und die Initiative SOS ORF ausgelöst wurde. Es ist eine Debatte, die wir vollen Herzens begrüßen.

Letztlich geht es dabei um die Identität des ORF und seine Stellung im demokratischen Diskurs in Österreich. Immer wieder werden wir in den Ländern, aus denen wir berichten, gefragt, ob der ORF ein 'Staatsrundfunk' ist oder nicht? Diese Frage verneinen wir gerne emphatisch und verweisen dabei auf das öffentlich-rechtliche Vorbild der BBC. Wie andere unabhängige Medien der westlichen Welt versteht sich die BBC als ein Teil des kontrollierenden medialen Gegengewichts zur politischen Macht.

Ein solches Selbstverständnis würden wir uns dringend auch für den ORF wünschen, handelt es sich dabei doch um eine Lebensfrage. In einer durch Pluralismus und Konkurrenz geprägten Realität sind Medien, die als Transmissionsriemen der staatlichen Macht empfunden werden, in ihrer Glaubwürdigkeit derart beeinträchtigt, dass sie Gefahr laufen ihre Existenzberechtigung zu verlieren.

'Staatsfernsehen' ist in der heutigen Welt hoffnungslos diskreditiert. Entscheidungen, die den ORF als 'Staatsrundfunk' erscheinen lassen oder in Verbindung zu einer Regierungspartei bringen, drohen dem ORF dauerhaften Schaden zuzufügen.

Viele Erfahrungen der letzten Jahre lassen uns zweifeln, dass die führenden Persönlichkeiten des Unternehmens erkennen, wie akut genau diese Gefahr für den ORF ist. Die aktuelle Diskussion ist ein Alarmruf, aus dem Politiker, Stiftungsrat und die Chefs unseres Unternehmens die Konsequenzen ziehen sollten, um die dringend nötige Erneuerung auf allen Ebenen zu ermöglichen.

Klar, dass wir auf die lebenswichtige Funktion eines ORF-Korrespondentennetzes hinweisen möchten, das der wachsenden Bedeutung einer globalisierten Welt auch für Österreich gerecht wird. Unser Unverständnis über die Vorkommnisse rund um die Bestellung bzw. Nichtbestellung des Korrespondentenpostens in Peking und das Mobbing gegen den dafür nominierten Kollegen haben wir bereits während der Korrespondenten-Tagung im Mai zum Ausdruck gebracht. Gerade diese Vorgänge zeigen, wie willkürlich in jenen Bereichen vorgegangen wird, die die Außenwirkung des ORF ausmachen - und die damit eben auch zur Existenzrechtfertigung des Unternehmens beitragen. Viele Korrespondenten sehen angesichts dieser Vorgänge ein gewisses Desinteresse der derzeitigen ORF-Führung an der Auslandsberichterstattung, was wir für sehr problematisch halten. Wir würden uns in jeder Beziehung größere Transparenz, bessere Kommunikation und sorgfältigere Planung wünschen."

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