Sicherungsseil in Temelin gerissen

18. Juni 2006, 19:32
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Zwischenfall betrifft Schutzmantel von stillstehendem Block 1 - Forderung nach internationaler Prüfung

Linz - Im südböhmischen Atomkraftwerk Temelin ist nach Angaben des Beauftragten des Landes Oberösterreich für grenznahe Atomanlagen, Radko Pavlovec, am Donnerstagabend ein Sicherungsseil gerissen, das im Fall eines schweren Unfalles zum Einsatz kommen sollte. Pavlovec forderte in einer Presseaussendung ein internationale Überprüfung.

Im Containment, dem Schutzmantel des derzeit stillstehenden ersten Blocks des AKW Temelin ist laut Pavlovec ein 15 Zentimeter dickes Stahlseil gerissen. Es diene zur Absicherung des Containments bei hohem inneren Druck, der bei schweren Unfällen auftreten könne. Der Temelin-Betreiber sowie die Chefin der tschechischen Atomaufsichtsbehörde Dana Drabova würden von einer "einfachen Betriebsangelegenheit" sprechen. Das Seil solle im Zuge der derzeitigen Betriebsunterbrechung ersetzt werden.

Für Pavlovec bleibt dabei die Frage nach der Ursache des Risses ungeklärt. "Die Tatsache, dass der Riss bei stillstehendem Reaktor auftrat, könnte auf eine schlechte Materialqualität hindeuten", erklärte der oberösterreichische Atombeauftragte. Es sei daher nicht auszuschließen, dass das Containment die Anforderungen an einen sicheren Betrieb nicht erfülle und bei einem schweren Unfall viel schneller als erwartet versagen könnte.

Schlechte Materialqualität

Bereits in den Vorjahren seien Hinweise auf die schlechte Materialqualität des Containments aufgetaucht. Bis heute ungeklärt sei auch die Frage der Widerstandsfähigkeit des Temelin-Schutzmantels im Fall eines Flugzeugabsturzes. Weiters sei während der Kollaudierung, also der Schlussgenehmigung des ersten Blocks festgestellt worden, dass die Druckprüfungen des Containments in Temelin mit herabgesetzten Parametern durchgeführt worden seien, die die Vorgaben des ursprünglichen sowjetischen Projektes nicht erfüllten.

Dieses neueste Problem stelle einen weiteren Grund dar, warum der erste Block des AKW ohne umfassende internationale Prüfung und nachweisliche Behebung aller aufgetretenen Sicherheitsmängel nicht mehr in Betrieb gehen dürfe, stellte Pavlovec fest. "Angesichts der Häufung der Probleme muss eine Expertenkommission möglichst rasch nach Temelin entsendet werden. Von der tschechischen Nuklearaufsichtsbehörde ist keine objektive Bewertung und Lösung der Probleme zu erwarten", so Pavlovec abschließend.

Ähnlich hatte sich zuvor die oberösterreichische BZÖ-Chefin, Sozialministerin Ursula Haubner geäußert: Sie werde Umweltminister Josef Pröll (V) ersuchen, dafür zu sorgen, dass gemäß dem Nuklearabkommen internationale und österreichische Experten nach Temelin geschickt werden und deren Expertise auf europäischer Ebene diskutiert werde. (APA)

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