"Jugoslawien war das Beispiel, wie Europa hätte anders sein können"

16. Juni 2006, 16:02
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Handke glaubt an neue Jugoslawien-Diskussion in der Zukunft - "Serbien ist für den Moment verloren, nicht für die Ewigkeit"

Zürich - Der österreichische Schriftsteller Peter Handke setzt auf eine neue Jugoslawien-Diskussion. Nach den Debatten und Polemiken der vergangenen Wochen halte er es für möglich, dass "eine Diskussion über das jugoslawische Problem stattfinden kann, die vorher so nicht möglich war", sagte Handke der "Neuen Zürcher Zeitung (NZZ)" für ihre Samstagausgabe.

Nach dem Eklat um die Absetzung eines seiner Stücke vom Spielplan der Pariser Comédie francaise und der verweigerten Annahme des Heine-Preises der Stadt Düsseldorf nahm Handke erneut Stellung zu seiner Parteinahme für Serbien. Als Grundmotivation seines Engagements nannte er eine einseitige internationale Verurteilung des serbischen Vorgehens während der Auflösung Jugoslawiens. Während die meisten anderen Republiken ihren Vorteil in der Abspaltung gesucht hätten, sei es als einzige die serbische Regierung unter Slobodan Milosevic gewesen, die Jugoslawien "bis zuletzt" habe erhalten wollen.

"Utopisches System"

Das Jugoslawien von Kommunistenführer Josip Broz Tito begreift Handke dem Interview zufolge als "utopisches System", das freilich nur funktionieren konnte, solange die Wirtschaft rund lief. "Jugoslawien war das Beispiel, wie Europa hätte anders sein können", sagte der Schriftsteller der "NZZ". Die "Jugoslawien-Energie" werde nicht sterben, "ob man das nun Nostalgie nennt oder nicht".

Das Massaker von Srebrenica bezeichnete Handke als "scheußlich". Es sei als "blinde, böse Rache" für die Verbrechen zu begreifen, die eingeschlossene muslimische Einheiten bei ihren Ausfällen aus dem Kessel begangen hätten. Ein Tötungsbefehl Milosevics habe sich indes nicht nachweisen lassen.

Kein "Autokrat im strengen Sinn"

Auf die Frage, warum er sich nicht auf die Seite der serbischen Demokratiebewegung geschlagen habe, erklärte Handke, dass Milosevic kein "Autokrat im strengen Sinn" gewesen sei. Serbiens Perspektiven sieht Handke düster: "Serbien ist für den Moment verloren, nicht für die Ewigkeit." (APA/AP)

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