Samba-Tänzer gegen Socceroos

18. Juni 2006, 20:19
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Brasilien versucht gegen Guus Hiddinks Australier den Takt zu finden - Teamchef Parreira hält an bisher schwachem Ronaldo fest

München/Wien - Der Teamarzt steht vor einem Rätsel, der Trainer vor einer schwierigen Entscheidung und Ronaldo selbst am Scheideweg. Für den brasilianischen Torjäger des fünffachen Fußball-Weltmeisters wird das zweite Gruppen-Spiel (F) am Sonntag (18 Uhr) gegen Australien im Münchner Stadion zur Bewährungsprobe. Nach seiner desolaten Vorstellung zum WM-Auftakt (1:0 gegen Kroatien) sind alle Augen auf den Real-Legionär gerichtet.

Rute ins Fenster gestellt

"Bei dieser WM sind alle fit, spielen schnell, decken unermüdlich und schalten rasch zwischen Abwehr und Angriff um. Wenn Ronaldo nicht besser wird, werden wir sehen, was wir im Laufe des Turniers machen", sagte Carlos Alberto Parreira, der Teamchef der seit elf Länderspielen bzw. seit einem Jahr (0:1 gegen Mexiko im Confed-Cup) unbesiegten Samba-Tänzer. Ronaldo sei noch einmal gesetzt, aber Parreira forderte von seinem Stürmerstar unmissverständlich: "Er muss seine körperliche Verfassung verbessern."

Brasiliens Legende Pele appellierte an den Gemeinschaftssinn in den Reihen des Titelverteidigers. "Ronaldo braucht uns und wir brauchen Ronaldo", sagte er. Im Mannschaftstraining wirkte Ronaldo jedoch fast teilnahmslos, obwohl ihn vor allem seine Madrider Klubkollegen Roberto Carlos und Robinho versuchten hatten, aufzuheitern und anzutreiben. Der 29-Jährige stand jedoch wie schon gegen die Kroaten viel herum. Allerdings hatte er in der Nacht zuvor in einer Frankfurter Klinik fast das komplette Repertoire an medizinischen Untersuchungen über sich ergehen lassen.

Gründlicher medizinischer Check

Weil Ronaldo über Übelkeit und Schwindel geklagt hatte, waren folgende Untersuchungen zu absolvieren gewesen: Bluttests, Röntgenaufnahmen, Magenspiegelung wegen des Verdachts einer Gastritis, Computertomographie der Neben- und Stirnhöhle und sogar des Schädels, um einen Tumor auszuschließen. Diese Details nannte Jose Luiz Runco, gefunden wurde nach Angaben des Teamarztes nichts. "Das Ganze kann auch psychische Ursachen haben. Zu viel Stress kann Übelkeit auslösen", sagte er.

Trotzdem wurden Ronaldo entzündungshemmende Mittel und Antibiotika verabreicht. "Mir geht's gut", betonte er und erklärte, dass er sich mit den Untersuchungen einfach Gewissheit hatte verschaffen wollen. "Das Team steht hinter mir, so wie ich hinter dem Team stehe," bekräftigte der dreimalige "Weltfußballer des Jahres". Sonderrechte beanspruche er nicht: "Es gibt keinen Grund für einen Solidaritätsakt. Ich erwarte, dass ich am Sonntag besser spiele."

Dritter Titel und Torrekord

Der WM-Torschützenkönig von 2002 hatte sich so viel vorgenommen für dieses Turnier: Wie Pele will er zum dritten Mal Weltmeister werden. Außerdem hat er den Rekord von Gerd Müller (14 WM-Tore) im Visier. In der Auftaktpartie in Berlin verbuchte der Stürmer jedoch nur 14 Ballberührungen in 69 Minuten und schoss einmal übers Tor. Mit Robinho hat Parreira noch ein Ass im Ärmel, allerdings ist der 22-Jährige keine Tormaschine (nur fünf Tore in 24 Länder- und acht in 36 Liga-Spielen für Real) wie Ronaldo in seinen besten Tagen.

Auf die Frage, ob er bereits einen "Plan B" ohne Ronaldo habe, antwortete Parreira: "Ich will einfach daran glauben, dass sich Ronaldo verbessert, ich will optimistisch sein. Aber wir studieren alle Optionen. Das Team ist jetzt seit drei Jahren zusammen. Wenn es notwendig ist, werde ich personelle und taktische Veränderungen vornehmen." Über die "Socceroos" spricht er mit Respekt. "Sie sind physisch sehr stark. Wir dürfen mit ihnen nicht mitkämpfen, sondern müssen ihnen mit spielerischen und technischen Mitteln beikommen."

Elf solide Burschen

Die Australier, die von den fünf bisherigen Duellen eines (9. Juni 2001 kleines Confed-Cup-Finale in Südkorea 1:0) gewannen, haben Ronaldo noch auf der Rechnung. "Er war sichtlich nicht der Ronaldo, den wir alle kennen. Es liegt an uns, dass er noch einen sehr ruhigen Abend haben wird. Wir haben nichts zu verlieren, jeder erwartet einen Sieg Brasiliens", sagte Abwehrspieler Lucas Neill. Tim Cahill, zweifacher Torschütze beim 3:1 gegen Japan, meinte: "Es treffen elf Superstars auf elf solide Burschen. Respekt ist da, aber auf dem Feld ist das dann eine andere Geschichte."

Teamchef Guus Hiddink, der Freitag hinter verschlossenen Türen trainieren ließ, wird Cahill, John Aloisi, Craig Moore und Vince Grella, die gegen Japan Gelb gesehen hatten, möglicherweise nicht aufbieten, um sie sicher gegen die Kroaten zur Verfügung zu haben. Der Niederländer misst dem schwachen Start des Favoriten keine Bedeutung bei. "Die Brasilianer sind ein notorischer WM-Spätstarter", sagte der 59-Jährige, den sie in "Down Under" verehren. "Er ist ein Genie, er fordert seine Spieler nicht nur fußballerisch, sondern auch im Kopf. Er wird schon eine spezielle Taktik haben und sich etwas einfallen lassen. Es ist alles möglich. Der Hiddink-Faktor und der Teamgeist werden uns weiterbringen", erklärte Verbandsgeneralsekretär John O'Neill. (APA/dpa/Reuters)

  • BRASILIEN - AUSTRALIEN
    (Münchner Stadion, 18 Uhr, Schiedsrichter noch nicht nominiert):

    Brasilien: 1 Dida - 2 Cafu, 4 Juan, 3 Lucio, 6 Roberto Carlos - 8 Kaka, 5 Emerson, 11 Ze Roberto, 10 Ronaldinho - 9 Ronaldo, 7 Adriano

    Australien: 1 Schwarzer - 7 Emerton, 2 Neill, 6 Popovic, 14 Chipperfield - 8 Skoko, 5 Culina, 20 Wilkshire, 23 Bresciano, 10 Kewell - 9 Viduka

    Bemerkung: Teamchef Guus Hiddink dürfte die gelb-belasteten Cahill, Aloisi, Moore und Grella nicht einsetzen

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      "Ronaldo braucht uns und wir brauchen Ronaldo"

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