Wo der US-Präsident reist, herrscht "Ausnahmezustand"

26. Juni 2006, 20:45
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Bei Berlin-Visite Spree nach Sprengstoff durchsucht - 1.300 Kanaldeckel in Mainz verschweißt

Reiseziele von US-Präsident George W. Bush verwandeln sich in Orte, an denen quasi der "Ausnahmezustand" herrscht. Die Sicherheitsvorkehrungen beim Besuch des Staatsoberhauptes am 23. Februar 2005 in Mainz übertrafen sogar jenes Aufgebot, dass Wien für den "mächtigsten Mann der Welt" am 20. und 21. Juni bereitstellt: 15.000 Polizisten wurden postiert, 1.300 Kanaldeckel versiegelt. Auch in Berlin und Preßburg (Bratislava), die Bush 2002 und 2005 besuchte, waren die Maßnahmen enorm.

Mainz habe sich beim Bush-Besuch in eine Geisterstadt verwandelt, berichteten deutsche Medien, nachdem der hohe Gast wieder abgereist war. In der Fußgängerzone "flanierten" mehr Polizisten als Passanten. Schon Wochen vor Bushs Besuch wurden entlang der möglichen Fahrtrouten des Präsidenten Kanaldeckel zugeschweißt - so sollte verhindert werden, dass dort Sprengkörper platziert werden oder sich Kriminelle Zugang verschaffen. Potenzielle Bombenverstecke wie Mistkübeln oder Briefkästen wurden entfernt.

Polizei-Begleitung

In der Mainzer Innenstadt durften Bewohner nur in Begleitung von Polizisten das Haus verlassen. Anrainern wurde davon abgeraten, sich in die Nähe der Fenster zu begeben. Bei "verdächtigen Bewegungen" hatten Scharfschützen Schießbefehl. Am Flughafen Frankfurt fielen 86 Flüge aus - der Flugverkehr ruhte bei Bushs Ankunft für fast eine Stunde, berichtete die "Abendzeitung". Bei Opel in Rüsselsheim legte der Besuch des US-Präsidenten die Autoproduktion für einen Tag lahm. Die Mitarbeiter haben laut Medien durch das Verkehrschaos keine Möglichkeit gehabt, in den Betrieb zu kommen.

Ein Steinmetz, der etwa 200 Meter von einer möglichen Bush-Route entfernt sein Geschäft betrieb, musste laut "Die Welt" seine komplette Grabstein-Ausstellung abbauen, um den Konvoi des Staatsmannes nicht "bewerfen" zu können. Auf Wunsch der Polizei wurde bei einer Tankstelle, die der Tross passierte, der Einfüllschacht zur Zapfanlage versiegelt, berichtete die "Abendzeitung". Ein Polizist sagte einer Zeitung, der US-amerikanische Secret Service habe noch mehr gewollt, "mehr Sicherheit, mehr Maßnahmen".

Am selben Tag noch reiste Bush nach Bratislava. Dort waren zu seinem Schutz "nur" 5.500 Polizisten und 400 Soldaten abgestellt. In der slowakischen Hauptstadt zeigte sich "Mr. President" zum Leidwesen der Sicherheitsleute bürgernah und mischte sich nach einer Rede unters Volk. Seine Zuhörer dürften "sauber" gewesen sein - hatten sie zuvor doch bis zu drei Stunden bei Kontrollen gewartet. Schirme, Parfümfläschchen und sogar Äpfel wurden den Menschen abgenommen, berichteten Medien.

In Berlin haben Taucher vor Bushs Ankunft am 22. und 23. Mai 2002 die durch das Regierungsviertel fließende Spree nach Sprengsätzen durchsucht. In der deutschen Hauptstadt standen für den "POTUS" (President of the United States) mehrere Hubschrauber bereit, um ihn und die First-Lady zu den Stationen des Besuchs zu befördern. Kurzfristig wurde entschieden, in welchen der Präsident einstiegen würde. In den anderen flogen "Dummys" mit. Zum Schutz des Staatsoberhauptes wurde das Regierungsviertel zur Sperrzone erklärt. Die Bundestagsabgeordneten konnten ihre Büros größtenteils nur unterirdisch erreichen. Rund 20.000 Menschen demonstrierten in Berlin gegen Bush - die Polizei setzte auch Wasserwerfer ein.

"Wenn man den amerikanischen Präsidenten zu Gast hat, dann muss man um die Sensibilitäten in Bezug auf Sicherheit, die die Amerikaner haben, wissen", bat der deutsche Ex-Kanzler Gerhard Schröder im TV-Sender ARD im Februar 2005 die Bundesbürger um Verständnis. Bush schien sich an die enormen Sicherheitsvorkehrungen gewöhnt zu haben: "Ich lebe in einer Blase sozusagen. So ist das nun einmal als Präsident", sagte er in Berlin. (APA/AP)

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