Einchecken mit dem Handy für den Flug von Tokio nach Osaka

23. Juni 2006, 10:20
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Geht es nach den Netzbetreibern, wird das Mobilfunkgerät schon bald die Geldbörse, Kreditkarte, das Flugticket und anderes mehr überflüssig machen

Die Japanerinnen und Japaner sind technikbegeisterte Menschen, und so fahren sie auf alles ab, was das Handy ihnen über Kommunikation hinaus bieten kann: als kleiner Helfer im Büro, als dauernde Verbindung ins Internet; es ist Spielkonsole und tönt fröhlich, wenn E-Mails anflattern. Zudem weist es per GPS den Weg von Tokio nach Hokkaido.

Und immer öfter wird das flache Ding zur mobilen Geldbörse. Schon jetzt kann man ähnlich der "Quick"-Funktion einer österreichischen Bankomatkarte ein Guthaben vom Konto auf sein Handy laden und damit bezahlen.

Zielgruppe Kinder

Oben ein "Piep", unten ein "Rumms", und schon holt die Besucherhostess im Schauraum von NTT DoCoMo, Japans größtem Telekomunternehmen mit rund 50 Millionen Handykunden, die Coladose aus dem Automat. Bezahlt hat sie per Handy.

Dann tritt die junge Dame an eine jener Absperrungen, wie man sie vom Flughafen kennt. Japan Airlines verwendet solche mit integriertem Chip: "Man bucht und bezahlt das Ticket via Handy, auf dem der gebuchte Flug von Tokio nach Sapporo gespeichert wird", erklärt sie eines der neuesten Services für Inlandsflüge. Beim Einchecken hält man sein Handy kurz übers Gate, und der Weg zum Flugzeug wird freigegeben. Ticket aus Papier? Das war vorgestern.

Seit ein paar Wochen ist das Mobiltelefon bei DoCoMo auch Kreditkarte. Damit erschließt sich für das Unternehmen der Markt für Waren des täglichen Bedarfs, der bisher kaum bedient wurde. In Japan werden überhaupt weniger als zehn Prozent der Einkäufe mit der Kreditkarte beglichen. Für Kleinbeträge, wie man sie für die Bentobox oder eine Dose Bier ausgibt, wird sie überhaupt nicht verwendet. Aber diese Minisummen setzen gewaltig viel Geld in Bewegung, das künftig übers Handy abgerechnet werden soll. Das Handy mit einem von Sony entwickelten Chip wird über ein Lesegerät an der Supermarktkasse gezogen - Piep! - die Dose Bier ist bezahlt.

DoCoMo erlaubt einen Kreditrahmen bis zu 10.000 Yen (knapp 70 Euro), mit dem ohne Unterschrift so bezahlt werden kann. Sogar Kinder ab zwölf Jahren dürfen mit Einverständnis der Eltern ihr Handy zur Geldbörse machen. Ab 2007 kann man in den 16.000 Filialen der Supermarktketten am/pm, Lawson und Family Mart per Handypiep bezahlen.

Kundenbindung

Mehr als die Hälfte aller Handybesitzer in Japan haben einen Vertrag mit DoCoMo, das sind rund 50 Millionen Kunden. Erst ein Viertel davon besitzt ein zahlungsfähiges Mobiltelefon, und davon benutzen vorerst nur drei Millionen Menschen aktiv die elektronische Geldbörse, erläutert DoCoMo-Manager Shohei Sakiguchi dem STANDARD im DoCoMo-Firmensitz im Tokioter Stadtteil Tameike-Sanno. Bis März nächsten Jahres sollen es doppelt so viele sein.

Bereits jetzt registriert die Nationalbank Japans, dass immer weniger klimpernde Münzen im Umlauf sind. Ist das Handy schon jetzt von morgens bis zum Schlafengehen ein unersetzliches Werkzeug für die Japaner, erfährt es mit der Funktion als Geld- und Kreditgeber eine neue Qualität für den Besitzer.

Ein wohlkalkulierter Hintergedanke der Mobilfunkunternehmen, meint Gerhard Fasol, Geschäftsführer von Eurotechnology Japan. Das Ziel ist, die Kunden schlicht abhängig vom "keitai denwa" (Mobiltelefon) und jetzt "osaifu keitai" (mobile Geldbörse) zu machen. Das Kündigen des Vertrags mit seinem Mobilfunkprovider wird für die Kunden somit eine immer kompliziertere Angelegenheit. (Andrea Waldbrunner aus Tokio, DER STANDARD Printausgabe, 16. Juni 2006)

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