"Es ist hilfreich, die Türkei mit Spanien zu vergleichen"

20. Juli 2006, 13:34
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Gerald Knaus, Direktor der European Stability Initiative über den türkischen Kulturkampf zwischen einer prowestlichen Elite und einem konservativen Hinterland

Mit der ESI-Studie über "Islamische Calvinisten" in Zentralanatolien erregte der ESI-Direktor Gerald Knaus international und in der Türkei großes Aufsehen. "Ja, ich bin ein islamischer Calvinist," meinte sogar Außenminister Abdullah Gül.

Im derStandard.at-Interview erzählt Knaus von einer lebendigen Medienlandschaft, dem "Wirtschaftswunder" in Zentralanatolien und einer beginnenden Versöhnung zwischen Islam und Moderne. Und er weist darauf hin, dass in der Türkei gesellschaftliche Veränderungen vor sich gehen, die in Europa gerade erst mal seit 20 Jahren abgeschlossen sind. Dass die Türkei "früher oder später" zur EU kommt, ist für Knaus klar: "In 10 Jahren ist die Türkei soweit."

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derStandard.at: Sie haben unlängst eine Studie über "Islamische Calvinisten" in der Türkei verfasst. Die seien religiös und marktorientiert, wertkonservativ und technologisch aufgeschlossen - und die wichtigste treibende Kraft in Richtung EU. Eine gute Basis für eine Veränderung hin zu einer "europäischen" Türkei?

Knaus: Das, was wir in der Türkei heute sehen, sollte uns nicht überraschen. Die Türkei hat eine breite Medienlandschaft mit Dutzenden lokalen Medien. Sie hat seit Jahrzehnten eine funktionierende Marktwirtschaft, eine breite soziale und ökonomische Basis für Pluralismus. Und das führt natürlich dazu, dass eine Debatte über die Beziehung zwischen Islam und Moderne in einer ganz anderen Art und Weise möglich ist, als das in autoritären arabischen Regimen der Fall ist.

derStandard.at: Wie wird ihre Theorie der "Islamischen Calvinisten" denn in der Türkei aufgenommen?

Knaus: Es ist ja keine theoretische, sondern eine empirische Studie über Entwickungen in Regionen, die man besuchen kann: viele Journalisten haben das in den letzten Monaten auch getan. Eigentlich war die Studie ja für ein europäisches Publikum gedacht. Wir wollten aufzeigen, wie sehr sich in den letzten Jahren das anatolische Hinterland sozial, ökonomisch und kulturell gewandelt hat. Die Studie hat jedoch auch in der Türkei ein erstaunliches Echo hervorgerufen.

Dabei spielt wohl der immer noch schwelende Kulturkampf zwischen einer prowestlichen Elite und einem konservativen Hinterland eine Rolle. Wir haben ja festgestellt, dass es gerade auch im türkischen Kernland zu einer Versöhnung zwischen einer konservativen, religiösen Gesellschaft und den Werten einer nach Europa orientierten Politik und Marktwirtschaft kommt. Außenminister Gül hat sich selbst als "Islamischer Calvinist" bezeichnet und wurde oft darauf angesprochen, auch von Olli Rehn.

derStandard.at: Zentralanatolien erlebt seit einigen Jahren ein Wirtschaftswunder. Entwickelt sich in der Türkei ein "konsequenterer Kapitalismus" als in Europa?

Knaus: Eine stark landwirtschaftlich geprägte Gesellschaft entwickelt sich zu einer städtischen Gesellschaft mit Industrialisierung und steigendem Bildungsniveau. Eigentlich kennen wir diese Entwicklung, denn vieles, was jetzt in der Türkei passiert, erinnert stark an erfolgreiche Entwicklungen in Ländern wie Spanien, Italien oder Griechenland. Von daher wissen wir, dass es möglich ist, in einigen Jahren wirtschaftlich enorm aufzuholen.

Gleichzeitig entstehen dabei aber auch soziale und politische Spannungen. Der Aufbau eines Sozialstaates, der Wandel der Rolle der Frau, die starken regionalen Entwicklungsgegensätze, das Infragestellen vieler Tabus: auf all diese Themen muss die Politik Antworten finden.

Die Herausforderung für die Türkei besteht jetzt darin, vor dem Hintergrund eines schnellen wirtschaftlichen und sozialen Wandels politische Stabilität zu bewahren. Im Europa des 19. Jahrhunderts ist die schnelle Industrialisierung und Urbanisierung mit wachsendem Nationalismus einhergegangen, aber damals gab es auch noch keine Europäische Union. Die nationalistische Versuchung gibt es auch in der Türkei, aber noch setzt sie sich nicht durch, denn es gibt eine europäische Perspektive.

derStandard.at: Welche Rolle spielt dabei die Religion?

Knaus: Was wir in Zentralanatolien gefunden haben ist, dass der türkische Islam sich stark vom Klischeebild einer rückwärtsgewandten und passiven Religion unterscheidet. Die Türkei zeigt, dass es durchaus möglich ist, dass sich eine muslimische Gesellschaft, die sichtbar religiös bleibt, mit der Moderne versöhnen kann.

Die Religion wird integriert, teilweise begründen die Unternehmer ihre unternehmerische Ethik oder ihr zivilgesellschaftliches Engagement mit Zitaten aus dem Koran.

derStandard.at: Trotzdem existiert weiterhin die "andere" Türkei, die patriarchale Türkei. Nur Klischees?

Knaus: Die Türkei ist ein großes und widersprüchliches Land. Für jedes Klischee, dass in Europa über die Türkei herumgeistert, gibt es irgendwo auch eine Realität. Die große Mehrheit der Bevölkerung lebt im Großraum Istanbul, an der Mittelmeerküste, in Ankara und in rasch wachsenden Städten wie Gaziantep oder Kayseri in Zentralanatolien.

In Ostanatolien ist wirtschaftliche und soziale Rückständigkeit jedoch kein Klischee, sondern Wirklichkeit. Erwerbstätigkeit von Frauen ist niedrig, abgesehen von der Landwirtschaft. Es gibt Ehrenmorde, es gibt starke patriarchalische Strukturen. Derzeit forschen wir (ESI) über den Einfluss von Frauenorganisationen als Beispiel eines neuen Politikverständnises. Dabei stoßen wir auch in Ostanatolien auf eine wachsende Zivilgesellschaft. Die politische Frage ist dann: haben diese gesellschaftlichen Kräfte in Europa Verbündete?

derStandard.at: Hat sich die Pro-Europa-Stimmung der letzten Jahre in der Türkei gehalten? Wie hat sich Ihrer Beobachtung nach die Türkei in den letzten Jahren verändert?

Knaus: In der Türkei ist weiterhin ein Großteil der Bevölkerung für einen EU-Beitritt, aber eine wachsende Zahl von Leuten zweifelt daran, dass es je zu diesem Beitritt kommen wird. Ich sehe die Gefahr eines negativen Kreislaufes, in dem die Angst in der Türkei, nicht fair behandelt zu werden, auch Reformanstrengungen schwächt und Beitritts- und Reformgegner Morgenluft wittern. Dann wiederum könnten europäische Skeptiker - zu Recht - sagen, die Türkei hätte europäische Standards nicht erfüllt. Doch ist Skepsis nicht neu: es gab sie auch schon vor drei Jahren - als die Europaeuphorie in der Türkei auf dem Höhepunkt war.

Das Ringen zwischen Befürwortern und Gegnern wird in den nächsten Jahren weitergehen. Entscheidend ist dabei, dass die EU glaubhaft macht, dass die Türkei zwar an strengen europäischen Standards gemessen wird, die Beurteilung allerdings fair bleibt. Solange das garantiert ist, können die EU-Befürworter sich durchsetzen.

derStandard.at: Auch gegen das Militär, das durch die Reformen auf viele Privilegien verzichten muss?

Knaus: Das Militär in der Türkei ist ähnlich kompliziert wie die Gesellschaft selbst. Auf der einen Seite sieht es sich seit Atatürk als Garant für die Westorientierung der Türkei, viele der führenden Militärs zählen zu den großen Befürwortern einer europäischen Türkei.

Auf der anderen Seite bedeuten viele Reformen, die zum Teil schon umgesetzt wurden, eine Beschneidung seiner Privilegien. Bis jetzt hat es von der Führung des türkischen Militärs Unterstützung für diese Reformen geben, aber dass damit nicht alle einverstanden sind, ist nicht verwunderlich. Auch hier ist es hilfreich, die Türkei mit Spanien zu vergleichen, wo es noch 1981 zu einem Putschversuch kam: 1986 war Spanien dann EU Mitglied.

derStandard.at: Wovor fürchten sich die EuropäerInnen, wenn sie gegen den Beitritt der Türkei sind?

Knaus: Man muss festhalten, dass diese Erweiterung objektiv eine enorme Herausforderung darstellt. Nicht nur was die Angleichung der Gesetze betrifft, sondern der gesellschaftliche Prozess im Allgemeinen. Nehmen wir das Beispiel der Gleichberechtigung von Frauen und Männern: Hier innerhalb von 10 Jahren in der gesamten Türkei einen europäischen Standard erreichen zu wollen, ist eine enorme Herausforderung. Das ist kein Prozess der Diplomaten und Politiker, sondern eine soziale Revolution.

Dass es Skeptiker gibt, die sich nicht vorstellen können, dass in zehn Jahren europäische Umweltstandards auch an der Grenze zu Syrien oder Gleichberechtigungsstandards im Arbeitsrecht an der Grenze zu Georgien auch umgesetzt werden, kann man verstehen. Diese Skeptiker eines Besseren zu belehren ist die Aufgabe und Herausforderung türkischer Reformer. Sollte ihnen dies aber gelingen wäre das auch für Europa ein großer Gewinn.

derStandard.at: Kann diese Entwicklung nur garantiert werden, wenn der EU-Beitritt am Ende steht?

Knaus: Die Möglichkeit muss gegeben sein - das steht ja auch in allen europäischen Verträgen. Sonst ergibt sich der Eindruck, dass hinter einer anhaltenden Ablehnung ein versteckter Rassismus steht. Wenn ein Vollbeitritt gar nicht zur Debatte steht, egal wie sich die Türkei entwickelt, verrät die EU ihre eigenen Werte. Aber ich glaube nicht, dass die europäische Union dabei ist, sich in diese Richtung hin zu entwickeln.

derStandard.at: Wo sehen Sie die größten Hürden und Probleme auf politischer Ebene?

Knaus: Die Herausforderung besteht darin, auch die europäische Bevölkerung von den konkreten Vorteilen eines Türkeibeitritts zu überzeugen, unter den Bedingungen einer sich weiter verändernden Türkei. Wirtschaftlich ist die Türkei durch die Zollunion ohnehin schon in die EU integriert, nun geht es darum, dass sie im Rahmen der Beitrittsverhandlungen auch europäische Umwelt- und Sozialstandards übernimmt.

Mit geringen Kosten, ohne Waffengewalt, ohne Zwang wird ein europäisches Gesellschaftsmodell, ein europäisches Verständnis von Politik und Rechtsstaat übertragen. Durch ihre Soft Power ist die EU eine moralische und kulturelle Großmacht.

derStandard.at: Wann ist die Türkei, wann die EU soweit?

Knaus: Ich schätze, dass die Türkei in 8 bis 10 Jahren soweit sein könnte. Zwar haben sich die Reformen derzeit etwas verlangsamt, aber wenn sie trotzdem konsequent weitergeführt werden, auch nach dem türkischen Superwahljahr 2007, besteht diese Chance. Rückschläge innen- und außenpolitischer Art kann man natürlich nicht ausschließen.

Was die Erweiterungmüdigkeit betrifft: die EU hat ja mit der letzten Erweiterung gerade einen großen Schritt getan und muss sich erst wieder neu definieren. In 10 Jahren ist das allerdings sicher längst geschehen und man kann die Frage des Türkeibeitritts viel selbstbewusster betrachten.

Gerald Knaus ist Direktor und Mitbegründer der European Stability Initiative, die sich im Juli 1999 in einem Cafe in Sarajewo bildete. Die unabhängigen Expertisen der ambitionierten Gruppe werden von Regierungen, Politikern und Wissenschaftern herangezogen. Die ESI ist mittlerweile von Sarajewo nach Berlin und weiter nach Istanbul übersiedelt.

Das Interview führte Manuela Honsig-Erlenburg

  • Artikelbild
  • Gerald Knaus bei Recherchen in einer Sofafabrik in Zentralanatolien.

    Gerald Knaus bei Recherchen in einer Sofafabrik in Zentralanatolien.

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