Benno Pludra: "Das Herz des Piraten"

22. Juni 2006, 15:21
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Am Strand, wo das Meer unendliche Abenteuer verspricht und immer wieder etwas an den Sand spült

Ist man verrückt oder nur sonderbar, wenn man mit einem Stein spricht, ihn sorgsam in der Hand hält, weil er so schön wärmt, ihn liebevoll bettet und ihn, weil er so gern in eine Höhle möchte, in die Schublade legt, zu all den anderen Dingen, an denen das Herz hängt? Jessi war eigentlich an den Strand gegangen, um einen großen Bernstein zu finden. Es konnte doch sein, dass der Sturm einen solchen ans Ufer gespült hatte, aber dann fand sie ihn: stumpf und dunkelrot, groß wie eine Faust. Er leuchtete auf wundersame Weise, in einem fast schwarzen Rot. Als Jessi, das Mädchen aus dem Dorf am Meer, ihn von den Seegrasfäden befreite, die an ihm klebten wie ein Bart, begann der Stein zu stöhnen und zu seufzen. Die beiden kommen ins Gespräch. Er, William, das Herz eines Südseepiraten, würde so gern seinen Vater wiedersehen, wenigstens etwas von ihm hören, und auch Jessi wüsste gern, wer und wo ihr Vater ist.

Sie lebt allein mit ihrer Mutter und vielen Hühnern, und die meisten im Dorf glauben, dass sie mit dem Stein spricht, weil ihr der Vater fehlt. Hannes Hösing mit den grünen Augen hält sie für bescheuert. Aber Jessi ist nicht verrückt, nur stolz, ein wenig eigensinnig und sehr neugierig. Sie hat ihre Meinungen, lässt sich so leicht nichts einreden, aber umso lieber lauscht sie Williams Geschichten von fernen Inseln, von Schätzen und dem Schmuck der Königin von Taragossa. Sie stellt ihm ihre Welt vor, und so werden sie Freunde, der Stein und das Mädchen.

Benno Pludra, ein Altmeister der Kinderliteratur, ist einst selbst zur See gefahren. Seine schönsten Geschichten spielen am Strand, wo das Meer unendliche Abenteuer verspricht und immer wieder etwas an den Sand spült, das nur auf einen gewartet zu haben scheint, der es entdeckt. Er erzählt ganz sanft und unangestrengt, ohne dramatische Effekte.

Mit dem Stein wird auch für Jessi manches anders. Dass die Leute im Konsum tuscheln, ficht sie nicht an. Sie richtet sich nicht nach den anderen, weiß, was sie will. Aber da sitzt dann eines Tages ein Mann in ihrem Haus, der Kunstreiter Jakko, der so aussieht, wie William vor dreihundert Jahren ausgesehen haben muss. Jakko ist ihr Vater. Sein Zirkus gastiert in einer Stadt in der Nähe, und da ist er, der nie etwas von sich hat hören lassen, einfach vorbeigekommen. So wie der Stein plötzlich am Ufer lag. Was wird Jessi nun tun, da ihr größter Wunsch in Erfüllung gegangen ist? Werden sie endlich eine richtige Familie? So überraschend wie die Geschichten des Piraten William ist das Ende der Geschichte, und doch kommt es ganz zwanglos und so, dass man dabei sein möchte. Man muss eben einmal mit einem Stein gesprochen und die Meinung des Dorfes ignoriert haben, um größer zu werden, nicht erwachsen, aber frei. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Von Jens Bisky
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