Arnaldur Indridasons Island-Krimi "Todeshauch"

15. Juni 2006, 21:37
posten

Alles fängt damit an, dass bei einem Kindergeburtstag ein menschlicher Knochen unter dem Spielzeug gefunden wird

"Island-Krimi" oder auch "Island-Thriller" nennt der deutsche Verlag das Genre, das Arnaldur Indridason mit seinen Romanen gewissermaßen erst erfunden hat. Kommissar Erlendur, ein schwermütiger Vertreter der nordischen Kriminalistik, hat nicht viel zu lachen. Nun sind Kriminalbeamte selten Humoristen, aber in Erlendurs Fall trägt auch das Privatleben keinen Moment lang zur Erholung bei. Seine Frau hasst ihn, seit Erlendur sie vor vielen Jahren mit zwei kleinen Kindern sitzen ließ, und seine Tochter, drogenabhängig und hochschwanger, liegt auf der Intensivstation. Da passt es ins Bild, dass der seelisch angeschlagene Kommissar mit einem Fall konfrontiert wird, der eine noch viel schlimmere Familientragödie ans Licht bringt.

Die isländische Familie ist es, um die sich alles dreht in "Todeshauch". Nun ist Island bekanntlich eines der sichersten und inzwischen auch wohlhabendsten Länder der Welt. Wenn es hier dann doch zu Gewaltkriminalität kommt, dann hat diese ihre Ursache meist in der Familie. Und das nicht seit gestern: Schon die ältesten isländischen Sagas bezeugen den Ursprung der Familie und der Gesellschaft aus dem Geist der Fehde. Und da die Familiengenealogie in Island in hohem Kurs steht und fast jede Familie ihren Stammbaum bis zu den Gründervätern zurückverfolgen kann, bleiben die Straftaten noch lange in Erinnerung.

In diesem Roman fängt alles damit an, dass bei einem fröhlichen Kindergeburtstag ein menschlicher Knochen unter dem Spielzeug gefunden wird. "Knochenfund im Millenniumsviertel" heißt die Durchsage an Kommissar Erlendur, der gerade bei einem guten isländischen Mahl sitzt, von dem er sich nur ungern erhebt. So ein Knochenfund macht Mühe, vor allem, wenn mithilfe eines Archäologenteams ein ganzes Skelett auszugraben ist. Fest steht nur: Hier ist offenkundig ein Gewaltverbrechen verübt worden, und es liegt schon einige Jahrzehnte zurück. Dass es nun aus dem Erdreich ans Licht kommt, hat einen ganz banalen Grund. In Reykjavík ist das Baufieber ausgebrochen und fördert nebenbei die eine oder andere Leiche zutage.

Das Familiendrama, das Indridason parallel zum Fortgang der Ermittlungen erzählt, handelt von einem anderen Island, das in mancher Hinsicht eher an die Saga-Vorzeit als an die glitzerbunte Gegenwart erinnert. Dabei ist es gerade einmal sechzig Jahre her, dass in einem Haus in der Reykjavíker Vorstadt der grimmige Grímur über seine Frau und die drei Kinder so tyrannisch herrschte wie ein vorzeitlicher Bösewicht.

Das Leben war karg, die Sitten streng, die Winter lang, und hätte es da nicht den freundlichen Soldaten aus der US-Garnison gegeben, dann wäre das Leben für Grímurs Frau nur öd und leer gewesen. Zwei Skelette sind es, die am Ende aus der Baugrube am Stadtrand geborgen werden, ein großes und ein kleines, und mit ihnen kommt eine erschütternde Wahrheit an den Tag. Und während Kommissar Erlendur die Knochenfund-Akte schließt, öffnet in der Intensivstation seine Tochter ihre Augen. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Von Christoph Bartmann
  • Artikelbild
    foto: sz
Share if you care.