Lebensretterin ohne Grenzen

17. Juli 2006, 10:40
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Elisabeth Eidenbenz gründete im Spanischen Bürgerkrieg ein Entbindungsheim für Flüchtlingsfrauen - manche sprechen von einer "Eidenbenzschen Liste"

Rekawinkel - "Warum ich das getan habe? Ganz einfach: Ich bin gefragt worden und habe Ja gesagt. Es war eine sehr interessante und notwendige Arbeit. Und eine Arbeit zu machen, die wirklich notwendig ist ... das ist was Wunderbares." Elisabeth Eidenbenz gibt sich bescheiden, wenn sie auf ihren mutigen humanitären Einsatz angesprochen wird. An die 600 Personen verdanken ihr Leben der Schweizer Lehrerin, die zwischen 1939 und 1944 im französischen Elne nahe der spanischen Grenze eine Entbindungsklinik für Flüchtlinge geschaffen und geleitet hat.

In dieser Oase der Geborgenheit mitten im Krieg erblickten 400 Töchter und Söhne spanischer Republikaner das Licht der Welt sowie 187 Kinder von Juden, Roma, Polen und Tschechen. In Anlehnung an "Schindlers Liste" wird deshalb mancherorts von der "Eidenbenzschen Liste" gesprochen. Die heute sechzigjährigen "Kinder" von Eidenbenz, die verstreut in der ganzen Welt leben, haben sich zusammengefunden und ihre Lebensretterin aus der Vergessenheit geholt.

In Israel und Spanien geehrt

Die mittlerweile 92-jährige Elisabeth Eidenbenz lebt heute in Rekawinkel im westlichen Wienerwald. Während ihre österreichischen Nachbarn bis heute nichts von der unglaublichen Geschichte dieser Frau wissen, die niemals im Mittelpunkt stehen wollte, wurde sie bereits in Israel und Spanien wegen ihres grenzenlosen Engagements geehrt. Anfang April wurde Eidenbenz in der spanischen Botschaft in Wien das Goldene Ehrenkreuz des Ordens Civil de la Solidaridad Social verliehen. Im Jahr 2002 zeichnete sie die Gedenkstätte Yad Vashem mit dem Ehrentitel "Gerechte unter den Völkern" aus, die Stadt Elne ernannte sie zur Ehrenbürgerin.

Die Schweizer Pastorentochter war 24 Jahre alt und arbeitete als Lehrerin in Belgien, als sie 1938 beschloss, als freiwillige Helferin unter der Dachorganisation des Freiwilligen Internationalen Zivildienstes auf republikanischer Seite in den Spanischen Bürgerkrieg zu ziehen. Die Schweizer Helfer stellten Lebensmittel und Kleidung zur Verfügung, sie öffneten Kantinen und evakuierten hungernde Frauen und Kinder aus dem belagerten Madrid. Nach dem Sieg Francos im Jahre 1939 verlagerte sich die Schweizer Hilfstätigkeit nach Südfrankreich, wo über eine halbe Million spanische Republikaner in menschenunwürdigen Internierungslagern ihr Dasein fristeten. Sie galten im damaligen Frankreich als unerwünschte Personen.

Entbindung auf Stroh

Französischen Bürgern war es verboten, spanische Flüchtlinge aufzunehmen. Auch die Krankenhäuser blieben ihnen verwehrt. Die Frauen aus den Lagern von Argeles, St. Cyprien, Rivesaltes und Barcarés, mussten in einem ehemaligen Pferdestall auf Stroh entbinden. Nicht einmal fünf Prozent der Neugeborenen überlebten. Mit Schrecken erinnert sich Eidenbenz daran: "Unsere wichtigste Aufgabe bestand darin, diese Frauen von dort wegzubringen." In Elne, einem Ort in der Nähe von Perpignan, fiel ihr ein "unbewohntes, verwahrlostes aber wunderbares Haus" auf.

Mit Willensstärke erreichte die 26-Jährige schließlich die Bewilligung für das Gebäude. Das Geld und die Hebammen kamen aus der Schweiz. "Fräulein Elisabeth" setzte sich dafür ein, dass die Flüchtlingsfrauen für mindestens vier Wochen vor und nach der Entbindung dem Horror des Lagers entkommen konnten. Ab dem Sommer 1940 nahm die Entbindungsklinik auch viele jüdische Schwangere sowie Roma und Sinti auf.

Den Gesetzen widersetzt

Das Rote Kreuz übernahm dann die Schirmherrschaft über alle Schweizer Hilfsorganisationen. Dadurch wurde die Arbeit vieler Freiwilliger behindert, da das Rote Kreuz mit seinem strikten Neutralitätsgebot auf die Einhaltung der örtlichen Gesetze bestand - in Frankreich galten jedoch die Gesetze des Vichy-Regimes. Ungeachtet der Gesetzeslage rettete Eidenbenz vielen Verfolgten das Leben, indem sie jüdische Kinder unter spanischen Namen registrierte. Aber nicht immer gelang es ihr, sich den Behörden zu widersetzen. So erinnert sie sich an die Deportation einer Frau, die sie nicht verhindern konnte: "Das ist für mich eines der schrecklichsten Erlebnisse. Sie war eine deutsche Jüdin, deren gesamte Familie bereits deportiert worden war. Unglücklicherweise ging sie selbst auf das Kommissariat, um sich nach ihrer Familie zu erkundigen. Dadurch erfuhren die Behörden, dass sie in der Maternité entbunden hatte. Von dort hat man sie abgeholt. Ihr Kind war bei der Geburt gestorben...vielleicht war es besser so."Bald danach, nach der deutschen Invasion Frankreichs musste Eidenbenz ihr Projekt aufgeben.

1944 kehrte Elisabeth Eidenbenz in die Schweiz zurück, aber schon ein Jahr später, gleich nach Kriegsende, reiste sie nach Österreich. In Wien setzte sie sich für die Opfer der anderen Seite ein: "Am Anfang waren die Flüchtlinge Volksdeutsche, die aus Jugoslawien und Siebenbürgen vertrieben worden waren. Wir halfen auch den Soldaten aus Jugoslawien, die nicht mehr zurück konnten". Sie war Mitbegründerin des "Schweizer Hauses", eines Säuglings- und Kinderheimes unter der Patronanz der Schweizer Evangelischen Kirche, wo sie bis 1975 arbeitete: "Beim Westbahnhof stellten wir Baracken auf. Während die Schweiz Lebensmittel lieferte, halfen diese Soldaten beim Transport."Ein Bild lässt sie nicht los - das der hungernden Kinder: "Meine Kolleginnen und ich haben ihnen Süßigkeiten und Äpfel als Weihnachtsgeschenke verteilt. Die Kinder haben die Süßigkeiten gar nicht beachtet. Die kannten sie ja gar nicht. Wir mussten ihnen erst zeigen, dass es auch etwas anderes gibt. Das war 1946."

Heute hilft Elisabeth Eidenbenz immer noch. Sie spendet für Kinder und Flüchtlinge aus der ganzen Welt, vor allem für die rumänischen Straßenkinder. Warum? Ganz einfach weil sie Hilfe brauchen. (Julieta Rudich, DER STANDARD Printausgabe, 16.06.2006)

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    foto.: rudich
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