Binnennachfrage stärkt Asien

7. Juli 2006, 11:11
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Weltwirtschaftsforum in Japan: Der Integrationsprozess ist erst am Anfang, glauben viele Wirtschaftsvertreter

"Die ökonomische Masse sitzt hier in Asien", gab sich Indiens Industrieminister Kamal Nath beim World Economic Forum on East Asia überzeugt. Damit drückte er bei dem für zwei Tage angesetzten Treffen der Weltwirtschaftselite in Tokio jenes Selbstbewusstsein aus, das viele Vertreter asiatischer Staaten hier zur Schau trugen. Man sieht sich heute als Motor der Weltwirtschaft - nicht ganz zu Unrecht, wenn man das rasante Wirtschaftswachstum in Indien oder China betrachtet.

Die Krise, die Asiens Wirtschaft vor zehn Jahren tief nach unten gezogen hat, scheint dieser Tage vergessen zu sein. Auch die jüngsten Kursverluste an der Börse und die Aussicht auf weitere Zinssteigerungen in den USA konnten die Stimmung beim Weltwirtschaftsforum, das erstmals in Tokio abgehalten wird, nicht trüben. Früher sei man zu sehr vom Export in die USA oder nach Europa abhängig gewesen, sagte Vietnams Industrieminister Hoang Trung Hai, jetzt könne man sich auf die Nachfrage der heimischen Konsumenten verlassen, um Produkte und Dienstleistungen zu verkaufen. Eine Ansicht, die naturgemäß die Vertreter der bevölkerungsreichen Staaten Indien und China teilen.

"Gigantische" Nachfrage

"Die Nachfrage ist gigantisch", meinte Jiang Jianqing, Vorstandsvorsitzender der Bank of China. Die anhaltende Kauflust werde auch die Nachhaltigkeit des Wirtschaftswachstums auf längere Sicht ausmachen. In Asien werden so viele Kinder geboren, dass auch künftig genügend Konsumenten da sind. Als Ausnahme gilt da fast nur Japan, das die älteste Gesellschaft der Welt repräsentiert, in der immer weniger Kinder geboren werden.

Der Integrationsprozess in Asien sei erst am Anfang. Es gebe regionale Zusammenarbeit, "aber sie hängt zu sehr vom Willen der einzelnen Staaten ab", meinte Hoang Trung Hai. Hai sprach auch indirekt die schlechte politische Stimmung zwischen Japan einerseits und China und Korea andererseits an. Anlass für Auseinandersetzungen ist meist ein Besuch des japanischen Premierministers im Tokioter Yasukuni-Schrein, in dem auch Kriegsverbrechern gedacht wird. Ein Wirtschaftsvertreter Koreas ergänzte, man solle nicht an der Vergangenheit hängen, sondern sich auf gemeinsame wirtschaftliche Ziele konzentrieren.

Drohende Probleme in Asien sprachen nur wenige Teilnehmer beim asiatischen Wirtschaftsgipfel an. Hassan Marican, Präsident von Petronas Malaysia, sieht aber gerade beim Nachwuchs solche entstehen: "Die Jungen sind gut ausgebildet und zunehmend mobil." Sie würden innerhalb Asiens dorthin gehen, wo am besten bezahlt wird. Oder eben von Unternehmen im Westen abgeworben werden, weil es dort zu wenig Arbeitskräfte gibt. "Sind wir darauf vorbereitet? Was tun wir, damit sie in der Region bleiben?" Diese Fragen stünden noch ohne Lösung im Raum. Nicht zuletzt setze der Kampf um Energieressourcen ein, erinnerte Industrieminister Hai, und immer mehr Umweltprobleme würden vor keiner Grenze Halt machen. (Andrea Waldbrunner aus Tokio, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

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