Schau mal, wer da schwimmt

29. November 2006, 15:29
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Wissenschafter von der Universität Essex haben einen künstlichen Fisch entwickelt, der uns an den Roboter als zukünftigen Wegbegleiter gewöhnen soll

Die Zukunft trägt ein hautenges Karnevalskostüm. Silber und grün reflektierende Pailletten, so groß wie Eurostücke, schmiegen sich elegant an den Körper, bei jeder Bewegung, jedem Schwung nach links und rechts funkelt und schimmert es. Träger des Glitzerwerks ist ein Roboter, er heißt G9 und ist mit seinen sanften Bewegungen auf den ersten Blick von seinem echten Vorbild, einem Fisch, kaum zu unterschieden.

Wenn nur das Schuppenkleid von G9 nicht aus Pailletten wäre, mit denen man in Brasilien die Kostüme für den Karneval bestickt. Professor Huosheng Hu von der englischen Universität Essex liebt solche Details. Drei Jahre haben der Chinese und sein Team junger, begabter Studenten am G9 gearbeitet und hinter seiner reflektierenden Haut ein kompliziertes Innenleben aus Computern und winzigen Motoren versteckt, das den mehrgeteilten Körper des rund fünfzig Zentimeter langen Fisches im Wasser erstaunlich natürliche Bewegungen ausführen lässt.

Wir könnten dann blau machen

Vier Infrarotsensoren teilen dem Rechner automatisch den Abstand zur nächsten Wand mit, und wenn dem "Robokarpfen" nichts in die Quere kommt, legt er einen halben Meter pro Sekunde zurück. Vor allem aber ist er lernfähig. So kann sein "Gehirn" die Bewegungen verinnerlichen und diese jeden Tag ein wenig verfeinern. Und das tut G9 seit einigen Monaten im Becken des Londoner "Aquarium". Die Eigentümer von der japanischen Shirayama Corporation wünschten sich eine neue Attraktion für ihre Besucher, vor allem Touristen aus aller Welt, und wandten sich vertrauensvoll an den Roboterexperten Professor Huosheng Hu. Hu gehört zu jenen Wissenschaftern, die mit einem Bein eigentlich permanent in der Zukunft stehen. Wenn der Mann mit der vergnügten Stimme davon redet, dass Roboter schon bald unsere Arbeiten übernehmen und wir dafür blau machen könnten, dann erklärt er das mit einer Selbstverständlichkeit, als spräche er über die Vorzüge einer neuen Mikrowelle.

Für Hu ist nichts unvorstellbar. So könnten Fische wie der G9 schon bald ihre Aufgaben in der "wirklichen Welt" finden, so zum Beispiel bei der Erforschung des Meeresbodens oder beim Finden von Lecks in Ölpipelines. Doch das ist der dritte Schritt vor dem ersten. Zumindest für die Besucher in London, die ungläubig vor dem Karpfen stehen und wissen wollen, ob das nun eine besonders schöne Spezies sei, oder ob Zoologen dem Tier zu Attraktionszwecken ein Glitzerkostüm übergestülpt hätten. George Gimas, ein 28-jähriger Grieche, der bei Professor Hu in Essex "Computer Science" studierte, hat sich in den vergangenen Monate viele dieser Fragen anhören müssen.

Unsere Wegbegleiter der Zukunft

Der fanatische Roboterfan ist zufrieden, denn je neugieriger die Leute sind, desto einfacher und natürlicher kann man sie an den Roboter als unseren Wegbegleiter der Zukunft gewöhnen. "Sie verlieren gerade mit 'harmlosen', netten Beispielen wie unserem Fisch ihre Scheu und Skepsis vor der Zukunft." Und die ist überholt, sobald man sie in den Händen hält. So hat auch G9 längst Nachwuchs bekommen. Der G10 ist ausgerüstet mit noch mehr Sinnen und umhüllt von einem nicht mehr ganz so glamourösen Schuppenkleid. Erst kürzlich wurde er im Pariser "CinéAqua" zum ersten Mal vor Publikum ins Wasser gelassen. Und George Gimas, ansonsten eher ein geduldiger Typ mit leiser Stimme, war vor dieser Premiere ungewohnt nervös. Denn anders als in London wurde G10 erstmals mit echten Fischen konfrontiert. Und wie reagieren die Lebewesen auf ihr elektronisches Abbild aus der Zukunft?

"Erstaunlich neugierig und interessiert", resümiert Gimas zufrieden. Statt G10 zu meiden - der elegant paddelnde Karpfen klingt durch sein motorisiertes Innenleben unter Wasser in etwa wie ein Rasierapparat - schwamm ein Makrelenschwarm neugierig um ihn herum, ein Rochen wagte es sogar, den fremdartigen Gast zu berühren. "Das war wirklich ein Erfolg. Wir hatten überhaupt keine Ahnung, wie die echten Fische auf unseren künstlichen reagieren würden."

Jeder Haushalt soll sich ihn leisten können

Bisher kostet die Produktion des Karpfens noch um die 3000 Euro. Doch Professor Hu möchte, dass sich schon bald jeder normale Haushalt diese spielerische Form des Roboters leisten kann. Ein Haustier, das den Eltern Kindertränen erspart, da es nicht irgendwann bäuchlings in die ewigen Fischgründe abtaucht. Und die Frage, wer den Fisch im Urlaub füttert, hat sich zum letzten Mal gestellt. "Wir arbeiten gerade daran, dass der Fisch in Zukunft selbstständig zu seiner Ladestation schwimmt und seine Batterie auffüllt, wenn diese leer ist. Ganz so, als würde er sich sein Futter holen!", sagt Professor Hu und muss seine Begeisterung in Zaum halten. Doch denkt nicht auch er manchmal sorgenvoll daran, dass Roboter eines Tages unser Bewusstsein adaptieren könnten und plötzlich lieber in der Sonne liegen wollen, anstatt unsere Arbeit zu erledigen? Professor Huosheng Hu schüttelt den Kopf, ihm machen solchen futuristischen Gedankenspiele keine Angst, ganz im Gegenteil, sie spornen ihn nur noch mehr an. Sollten Roboter eines Tages tatsächlich so eigenständig werden wie im Film "I, Robot" sei das natürlich ein Problem, meint er grinsend. Aber so weit sei man noch lange nicht. Nach dem Erfolg in Paris stehe jetzt erst einmal intensives "finetuning" auf dem Programm. Denn G10 verträgt das Salzwasser, in dem er in Zukunft mit den echten Fischen schwimmen soll, noch nicht so gut.
Julia Grosse/Der Standard/rondo/16/06/2006)

Julia Grosse (30) lebt als freie Journalistin in London und arbeitet u. a. für Mare, Stern und die Süddeutsche Zeitung.
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    foto: der standard
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