Sinnliche "Frühstücksmusik"

15. Juni 2006, 21:17
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Polwechsel legt sein fünftes Album, "Archives of the North", vor

Wien - "Ob die Phase der 'Reduktion' vorbei ist? Diese Frage wurde mir zuletzt viermal gestellt. Insofern liegt das wohl in der Luft. Wobei unter Musikern das Thema schon länger virulent ist." Die Fragen ist Werner Dafeldecker zu stellen. Schließlich pflegt er - mit Michael Moser Kopf des Ensembles Polwechsel - seit 13 Jahren eine Ästhetik der Klangmikroskopie im Schnittpunkt zwischen kompositorischen und improvisierenden Strukturdenken. Und dies hat auch international einen gewissen Kultstatus bewirkt.

"In die Schublade der 'Reduktion' gesteckt zu werden, dagegen haben wir uns immer gewehrt", so Dafeldecker, früher Kontrabassist von Ton.Art und Mitbetreiber des Durian-Labels. "Es hat bei uns genauso gut passieren können, das wir mal volles Rohr losgetrötet haben. Uns ging's anfangs darum, Material möglichst konzentriert zu bearbeiten, und alles unnötig Erscheinende wegzulassen. Wie das Vibrato des Operngesangs etwa."

Wobei es auch sein konnte, "dass wir gesagt haben, wir arbeiten mit dem Vibrato - aber dann nur mit dem Vibrato." Dafeldecker und Michael Moser, den gefragten Cellisten (zuletzt in Donaueschingen hervorgetreten), werkten indessen nicht allein auf weiter Flur. In Barcelona, Berlin und Tokio betrieben Musiker ähnlich elementare Klangforschungen, wobei die ebenfalls zahlreichen Kollegen in der Heimat Wien - wohl nicht zufällig in zeitlicher Parallele zum abebbenden Elektronik-Hype - sich als vielleicht erste wieder von den streng modernistischen Geräusch-Tüfteleien verabschiedeten und konkrete Einflüsse zuließen - siehe die aktuellen Arbeiten u. a. von Radian, Trapist oder Franz Hautzinger.

Auch das neue, ausgezeichnete Album von Polwechsel klinkt sich hier ein: Archives of The North (hatOLOGY/Lotus) heißt es und wurde damit - sieht man von den frei improvisierten Wrapped Islands-Sessions mit Christian Fennesz (2002) ab - als erstes nicht nur mit einer nüchternen Nummerierung, sondern mit einem assoziationsträchtigen Titel ausgestattet.

Moser: "Wir haben uns zwar gegen das Label gewehrt, aber zum Teil sicher sehr reduzierte Stücke gemacht. Irgendwann kommt man an einen Punkt, an dem man sagt: Weiter zu reduzieren hieße, mit dem Spielen aufzuhören. Oder nach 30 Minuten Stille einen Ton zu spielen. Was nicht unser Ding ist. Deshalb haben wir seit Jahren darüber geredet, die Musik in die andere Richtung zu entwickeln."

Um Irrtümern vorzubeugen: Auf der CD wird nicht mit Zitaten jongliert oder gerockt. Polwechsel ist natürlich Polwechsel geblieben. Jedoch: Der explorative Impetus scheint offener, er geht nun weit über das Geräuschspektrum hinaus. Die Formation legt in flirrenden Drones eine so bisher nicht gehörte, schillernde Klangsinnlichkeit an den Tag. Viel zu tun hat jener neue Soundreichtum auch mit Umbesetzungen:

Burkhard Stangl ging, die Schlagzeuger Burkhard Beins und Martin Brandlmayr kamen. "Die CD ist relativ zugänglich. Vielleicht werden wir dadurch einige Hardcore-Fans verlieren, dafür neue hinzugewinnen, so Dafeldecker. "Ich persönlich könnte mir die CD zum Frühstück einlegen." (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Von
Andreas Felber
  • Michael Moser und Werner Dafeldecker: "Noch mehr zu reduzieren hieße, mit dem Spielen aufzuhören."
    foto: standard/newald

    Michael Moser und Werner Dafeldecker: "Noch mehr zu reduzieren hieße, mit dem Spielen aufzuhören."

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