Biertrinken mit Poe als schöne Nervenkunst

15. Juni 2006, 21:16
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Festwochen: Grischkowez erzählt Horribles - "Po po - Über Poe" im Schauspielhaus

Wien - Es ist ein vielschichtiges Wurzelwerk weitergesponnener Fantasie, das Jewgenij Grischkowez, vom verfilzten Grauen Edgar Allen Poes genährt, auf die Bühne des Schauspielhauses befördert. Sein Konzept zu Po po - Über Poe ist fast zu einfach und deswegen so genial: Er habe sich zuletzt vor über 20 Jahren in die makabren, schwülstigen Grusellandschaften eingelesen.

All das, was das international gefragte Multitalent des Stegreiftheaters gemeinsam mit dem ebenfalls russischen Publikumsliebling Alexander Zelako zum Besten gibt, sind daher Proben einer Ausgrabungs- und Erinnerungskultur. Von der Unendlichkeit schwarzer Stoffmassen (Bühne: Grischkowez/Larisa Lomakina) flankiert, hocken die zwei Verinnerlichungshelden, genährt von einer infantil anmutenden Schaulust, beisammen und erzählen einander eisige "Lebenserfahrungen".

So genüsslich wie die Geschichten dem einen (Grischkowez) von den Lippen purzeln, scheint ihm der Schauder dann doch händeringende Abwehrposen abzuverlangen. Die ruckhaften Bewegungsschleifen des anderen scheinen ebenfalls von dunkler Magie gefesselt, und doch entfleuchen ihm schließlich die Fantasien wie fremdgesteuert in manischen Begeisterungsstürmen.

Was dabei aber an schwarzer Romantik an die Oberfläche treibt, fraß sich schon jahrelang tief in subjektive Erlebniswelten der beiden Bühnenbelagerer. Jede Verständnislücke wird trotzig mit passgenauen Mosaiksteinchen der Alltäglichkeit plombiert: So beginnt das Zeugfassen für die bei Poe obligatorischen Mordinstrumente immer im "Haushaltswarengeschäft". Und mit der gleichen liebevollen Grundehrlichkeit sind auch die "englischen Gentlemen", von monströsen Weltgewalten zum transatlantischen Ballonflug gezwungen, im Normalleben Bier trinkend mit der "Planung von Urlaubsentspannung" beschäftigt.

Kindliche Freuden

Dem kindlichen Vergnügen, das dem Bühnenkosmos die eigene Gesetzmäßigkeit aufzwingt, kann nur die schlagkräftige Unberechenbarkeit herbeizitierter Gruselobjekte Einhalt gebieten. Der feinfühlig konzipierte Aufbau von Grischkowez' Stück schafft es problemlos, das Publikum einer eigenwilligen Logik zu unterwerfen.

Bei aller spontanen Schauspielkunst sind es präzise Gesten, mit denen Zelakos Figur immer mehr von der schreckhaften Verletzlichkeit seines Gegenübers zehrt. Und so hat sich in den Reisebericht durch Edgar Allan Poes blutrünstige Seelenwelten nebenbei noch - altbewährte Bühnengesetze dürfen sein! - eine Charakterentwicklung geschlichen. Weil in russischer Sprache aufgeführt, steht mit Stefan Schmidtke ein perfekt im Hintergrund agierender Übersetzungskünstler zur Verfügung. Als Gastspiel von "silence!" aus Moskau hatte der Import-Geniestreich der Wiener Festwochen letzten Dienstag Premiere. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Von
Georg Petermichl
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