Hollersaft mit Tantensöckchen

16. Juni 2006, 23:14
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Barbara Freys Inszenierung von "Arsen und Spitzenhäubchen" am Akademietheater bietet einige hübsch skurrile Details auf - und scheitert dennoch an der Tempoerzeugung

Wien - Die behagliche Erdgeschoßwohnung der vererbungsbedingt mit Wahnsinn geschlagenen Familie Brewster, deren unheilschwangerem Schoß nicht weniger als 24 Leichen entspringen, obwohl alle Beteiligten nur ihre Spleens ausleben und erwiesene Aufmerksamkeiten mit tödlichen Nettigkeiten vergelten, wird nach hinten von einer Ehrfurcht gebietenden Bücherwand abgeschlossen (Bühne: Bettina Meyer).

Die Rücken der Bibliothek-Suhrkamp-Bände glänzen matt. Eine Reihe von Dünndruckausgaben verrät die klassische, bundesdeutsche Durchschnittskultiviertheit, die ihre grundstoffliche Basis vor allem durch ein zusätzliches Schock Reclam-Bändchen erhält.

Wir müssen in Zusammenhang von Arsen und Spitzenhäubchen, Joseph Kesselrings US-Massenmordkomödie von 1941, von zweierlei Wahnsinnstraditionen sprechen: jener angelsächsisch gehetzten, die noch in der Verfilmung mit Cary Grant einen zwerchfellerschütternden Triumph über alle Wahrscheinlichkeitsgesetze davonträgt.

Womit wir in das Wiener Akademietheater hinüberschweifen, wo der Wahnsinn Bleischuhe trägt. Denn die absolut menschenfreundlichen Mordgelüste der betagten Schwestern Brewster, die vergifteten Hollunderwein an allein stehende Zimmermieter ausschenken, um anschließend herrliche Totenmessfeiern im Leichenkeller zu veranstalten, scheinen in Barbara Freys dreistündiger Inszenierung einer merkwürdigen Psychopathologie des Alltagslebens entnommen: einer Skurrilschaubude, zirka aus der Ära Kurt Kiesingers.

Immer wieder, gleichsam zwischendurch, scheint sich der schiefergraue Schopf Abbys (Kirsten Dene) ungeheurer Ekelwallungen zu entledigen. Als müsse die patentere der beiden Schwestern mit ihrer zart durchbrochenen Strickjacke wahre Gebirge an Verdrängungsunrat umschließen. Marthas (Libgart Schwarz) altjüngferliches Raunen unter dem Mädchenhaarreif kündet schon eher von verschluckter Lust: einem leisen Allmachtsrausch der gewohnheitsmäßigen Spiegeltrinkerin, als hätte Schwarz lüstern mordbegierig von schweren Likören getrunken. Eine Macbeth-Hexe in Tantensöckchen.

Das alles atmet einen zauberhaften Frieden - und kitzelt doch kaum jemals Irrwitz aus der Verkehrung der moralischen Weltverhältnisse heraus. Mit der einen bedeutsamen Ausnahme von Neffe Mortimer (Michael Maertens), dem theaterhassenden, beim geringsten Anlass (Massenmord!) flach loskeifenden Theaterrezensenten mit der Alterstonsur, der die üble Hektik eines in ein Mörderspinnennetz geratenen Wohlstandskäfers als Vernuschelungsprogramm entfaltet.

Der andere Neffe, Teddy (Urs Hefti), der sich als trompetenblasende Inkarnation von Theodore Roosevelt wiedergekehrt glaubt und für die Leichen Entlastungsgerinne im Keller gräbt: ein gespreizt beinklappender Sir im Club-Blazer. Der hereinschneiende Mörder Jonathan (Peter Simonischek): ein zäh schniefendes Boris-Karloff-Imitat. Sein Assistent Dr. Einstein (Johann Adam Oest): ein liebenswürdiger Etappenalkoholiker. Mortimers Verlobte Elaine (Maria Happel): eine latent vorlüsterne Prachtperle aus dem Pfarrhaus - mit eingebautem Soprangekicher. Immerhin eine Figur. Warum nur entfaltet sich das Mordprogramm so zäh und breit? Warum lässt Frau Frey im Andante-Tempo spielen?

Man hätte vielleicht besser die Reclam-Bändchen wegräumen sollen - und Platz machen für einen Flachbildschirm mit DVD-Gerät. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Von Ronald Pohl
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    Neffe Mortimer (Michael Maertens, Mi.) macht Tante Abby (Kirsten Dene) ein präsumtives Mordopfer (Peter Matic) abspenstig.

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