Dirigiershow und heitere Erzählkunst

15. Juni 2006, 20:39
posten

Musikverein: Tonkünstler in mäßiger Form, Alfred Brendel im Reich des Tiefsinnigen

Wien - Dass das Erhabene dem Lächerlichen nahe ist, ist eine - besonders im Klassikkonzert - leicht zu erlangende Einsicht. Doch kaum jemand durchdringt diese Sphären auf so sinnige Weise wie Alfred Brendel: Bei ihm nimmt Erhabenes wie mit einem Lächeln Gestalt an und zeigt sich Musikhumor mit wissendem Tiefgang. Je älter der Pianist wird, umso mehr scheint sich als Grundton eine weise Heiterkeit durchzusetzen.

Im Musikverein stellte Brendel tief schürfende Werke ins Zentrum seines Soloabends. Als Rahmen wählte er Sonaten des von ihm geschätzten Meisters des Humors Joseph Haydn, bei dessen grüblerischer D-Dur-Sonate Hob. XVI:42 man meinen konnte, der Pianist sei von manch kühner Wendung selbst überrascht.

Schuberts G-Dur-Sonate mit ihren Stimmungsumschwüngen durchlitt er in intensiver Gefühlsvielfalt: versonnen der Beginn, das Seitenthema ungeahnt freudig, das Andante ohne Sentiment, fast herb und zögernd, die Drehorgelmusik des Trios, als erklänge sie zum letzten Mal, selten abgründig die Episoden des Finales.

Mit Expressivität und emotionalen Extremwerten nur so geladen, dabei gemeißelt klar, wurde Mozarts c-Moll-Fantasie ausgeleuchtet, das a-Moll-Rondo war ein abgeklärter Gesang. Anhand der schrägen Wunderwelt von Haydns C-Dur-Sonate Hob. XVI:50 erzählte Brendel dann nochmals vom Ernst der Ironie, die sich auch innerhalb des klagenden Adagios mit wie gemorsten Auszierungen Bahn brechen konnte und sich im wankelmütigen Finale von launig bis launisch steigerte.

Wenig beeindruckend die Tonkünstler: Chefdirigent Kristjan Järvi forderte seinen Musiker jüngst im Musikverein wenig differenzierte Klangkultur ab. Glanzlos und inhomogen zeigen sich die Streicher, stumpf das Holz. Wohl packt Järvi alles (Bach, Brahms, Schostakowitsch) mit Drive an, liefert eine sportlich choreografierte Dirigiershow, feinsinnige klangliche Sorgfalt lässt er aber nicht walten.

In der von Gustav Mahler zusammengestellten und bearbeiteten Bach'schen Orchestersuite fehlt es bereits an präzis koordinierten Einsätzen. Offenbar fällt es den Musikern schwer, das Tempo von Järvis Händen abzulesen. Und: Der verklärte Blick zur Decke des Saals während der Air gleicht die akustischen Unzulänglichkeiten nicht aus.

Schostakowitschs gefällig-humorvolles zweites Klavierkonzert ward dann artig begleitet, Barbara Moser erweist sich als gewissenhafte Solistin. Persönliches Animo hätte die Genauigkeit auch zum Leben erweckt. Bei Schönbergs Orchesterfassung von Brahms' Klavierquartett g-Moll, op. 25 lässt Järvi Effekte niemals ungenutzt, rhythmische Finesse oder Transparenz opfert er jedoch bereitwillig. Die Schlusspirouette zum Publikum noch im Schlussakkord garantiert Applaus abseits der musikalischen Leistung. (daen, pch / DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Share if you care.