Rosneft: Der Senkrechtstarter scheidet die Geister

11. Juli 2006, 17:51
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Der staatliche russische Ölkonzern geht an die Börse und präsentiert sich in ganzseitigen Zeitungsinseraten. Die Investoren schwanken zwischen Euphorie und Ablehnung

Dass Förderanlagen des Ölkonzerns Rosneft nun aus den Gazetten strahlen, markiert einen Wendepunkt: Russische Firmen sind auf den Geschmack von Börsengängen gekommen, den spektakulärsten unter ihnen vollzieht Rosneft. Der Startschuss ist gefallen. Am Montag dieser Woche hat der drittgrößte russische Ölkonzern offiziell erklärt, seine Papiere in London und in Moskau zu listen. Der Handel beginnt voraussichtlich am 14. Juli.

Durch die Ausgabe von Aktien zu Vorzugspreisen will der Staat die Bevölkerung durch die Ausgabe von Aktien wieder an Volksaktien gewöhnen. Das Volk nämlich ist vom Betrug traumatisiert, nachdem es mit den Privatisierungs-Vouchers, die nach dem Ende der Sowjetunion an die Bevölkerung ausgegeben und dann von nachmaligen Oligarchen billig aufgekauft wurden, durch die Finger geschaut hatten. Auffällig ist auch, dass der Börsengang bescheidener ausfällt, als ursprünglich geplant: Nicht anfänglich kolportierte 49 Prozent, sondern nur etwa 20 Prozent werden emittiert, was Spekulationen auslöste, das der Staat etwaige Forderungen zu einflussreicher Minderheitsaktionäre hintanhalten will.

Yukos-Zerschlagung brachte Wende

Am bemerkenswertesten freilich sind die Umstände des Höhenfluges von Rosneft, der sich anschickt, mittelfristig zum größten russischen Ölkonzern aufzusteigen. Noch vor eineinhalb Jahren hat Rosneft um zwei Drittel weniger Öl gefördert. Die Wende kam mit der Zerschlagung des vormalig größten Konzerns Yukos, als deren Mastermind die stille Kreml-Eminenz Igor Setschin vermutet wird. Ende 2004 ging die Yukos-Hauptfördertochter Yuganskneftegas in einer dubiosen Zwangsversteigerung um rund neun Milliarden Dollar weit unter Wert an Rosneft.

Förderte Rosneft 2004 nur 22 Mio. Tonnen Öl, waren es im Vorjahr 75 Mio. Tonnen. Die Erlöse stiegen im Vorjahr um das Viereinhalbfache auf 23,95 Mrd. Dollar, der Nettogewinn lag bei 4,2 Mrd. Dollar, die Schulden bei elf Mrd. Dollar (7,5 Mrd. Dollar schuldet die Rosneft-Mutter Rosneftegas einer westlichen Bankengruppe).

Zur Schuldentilgung hatten die Beamten das Going Public auch ersonnen. In den bisherigen Bewertungen der Analysten rangiert Rosneft als Russlands zweitteuerster Konzern hinter dem Gasmonopolisten Gasprom.

Kreml-Schutz bietet Perspektiven

Beim Gros der Investitionsbanken liegen die Bewertungen zwischen 70 und 90 Milliarden Dollar. Ziemlich einhellig wird auf die Zukunftsperspektiven (6,9 Prozent Förderzuwachs bis 2012 und weltweit zweitgrößte Vorräte von 18,9 Mrd. Barrel Öläquivalent), auch wegen des Kreml-Schutzes, verwiesen.

Nicht alle freilich teilen die Euphorie. Da die Rentabilität im ersten Quartal dieses Jahres abgefallen ist, zweifeln Experten, dass Rosneft die gewünschten acht bis 14 Mrd. Dollar durch den IPO einfahren wird. Mehrere Investoren wie Mark Mobius von Templeton melden besonders nach dem jüngsten Einbruch des Aktienmarktes Zweifel am Erfolg des IPO an. (Eduard Steiner aus Moskau, DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

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    Beim Börsengang der staatlichen russischen Rosneft wird eine breite russische Beteiligung angestrebt.

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