Volkstheater als Bühne für EU-Kritiker

20. Juni 2006, 16:53
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Direktor Schottenberg: "Theatralisierung der Gesellschaft für Täuschungsmanöver genützt"

Während die Staatschefs in Brüssel zusammenkamen, diskutierten in Wien Künstler und Intellektuelle über Mythos und Realität Europas. Im Zentrum stand die Frage "Europa: Mit Theater aus der Krise?" Passender Schauplatz: das Volkstheater - an dem auch die Inszenierung der österreichischen Ratspräsidentschaft beleuchtet wurde.

Volkstheater-Direktor Michael Schottenberg gab die Richtung vor: "Die Theatralisierung der Gesellschaft wird von der Politik gern für Täuschungsmanöver genützt." Mozart, Fußball und Kaffeetrinken lösten Probleme der EU-Bürger nicht, waren die Diskussionsteilnehmer einig.

"Nostalgiekitsch"

So ergab sich ein düsteres Bild: Die EU als Theaterbühne der Finanzmärkte, Österreichs Präsidentschaft als "Nostalgiekitsch" (IG-Kultur) und Wolfgang Schüssel als interimistischer Theaterdirektor. In Anspielung auf die Veranstaltung "Sound of Europe" ging Schriftstellerin Marlene Streeruwitz so weit, dem EU-Ratsvorsitz "Weltherrschaftsfantasien über klassische Musik" vorzuwerfen. EU-Skeptiker sollten "nicht nur an den Kopf, sondern auch an den Bauch appellieren", befand Literaturkritikerin Daniela Strigl.

Ist Europas Traum geplatzt? Christian Felber, Mitbegründer von Attac, sieht nur eine europäische Konkurrenzgesellschaft. Für ihn sind die Finanzmärkte an der EU-Verdrossenheit schuld: "Grasser sagt, er liebt den Wettbewerb. Also der Standort Österreich gegen Deutschland, nicht mit Deutschland." Schriftsteller Michael Köhlmeier hingegen sah weniger den Neoliberalismus als Problem - sondern Nationalismen. Sein Appell, in Anlehnung an Heine: "Dem Volk, dem großen Lümmel, sollte man zuhören." Vorhang. Und viele Fragen offen. (kap/ DER STANDARD, Printausgabe, 16. 6.2006)

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    Schottenberg: "Die Theatralisierung der Gesellschaft wird von der Politik gern für Täuschungsmanöver genützt."

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