"Dort gibt es mehr Seehunde als Leut"

7. Juli 2006, 11:41
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RZB-Chef Rothensteiner sieht im Osten, der bei Raiffeisen bis Kamtschatka reicht, weiter wenig Risiko und erklärt im Interview, warum die Bawag ein "Kriminalfall" ist

STANDARD: Sie haben das Rettungspaket über 450 Millionen Euro mit der Bawag ausverhandelt; am Mittwoch wurde unterschrieben. Erleichtert?

Rothensteiner: Das ist kein Rettungspaket, weil wir ja kein frisches Geld in die Bank einzahlen. Das Geld fließt in die zwei eigene Gesellschaften, und dort bleibt es auch. Wir helfen der Bawag in der Zeit bis zum Verkauf, damit sie Geschäfte machen kann und mit ihrem Eigenkapital nicht ans Minimum kommt, wobei uns das Umfeld nicht berührt: Wir hatten nie im Eigentümerbereich zu tun, sondern nur mit der Bank.

STANDARD: Das Interesse der Österreicher am Bawag-Kauf flaut ab - auch Ihres?

Rothensteiner: Wenn es ein Angebot gibt, will ich es sehen. Selbst wenn wir die Bawag gern hätten, könnte es sein, dass wir sie aus kartellrechtlichen Gründen nicht kriegen. Das gilt für alle österreichischen Banken und Sparkassen.

STANDARD: Grasser will nicht, dass Hedgefonds-Gesellschaften die Bawag bekommen. Teilen Sie als Bankenobmann seine Vorbehalte?

Rothensteiner: Wer immer die Bank kauft, der wird dort das Sagen haben.

STANDARD: Der ÖGB braucht jeden Cent: Wenn der Fonds am meisten bezahlen würde . . .

Rothensteiner: Eben. Daher wird am Ende des Tages nicht ausschlaggebend sein, ob man wen lieb hat als Gesellschafter oder nicht. Das ist eine schwierige Entscheidung des Verkäufers, aber was ist schon leicht in der Geschichte?

STANDARD: Die Finanzmarktaufsicht FMA fordert jetzt mehr Prüfer. Die Beaufsichtigten sind skeptisch, Sie auch?

Rothensteiner: Ich bin mit den Herren von der FMA nicht einer Meinung, es gibt genug hoch qualifizierte Prüfer. Wir haben ein funktionierendes Kontrollsystem, das die Blödheiten im Wesentlichen herausfiltert. Macht jemand bewusst gesetzeswidrige Dinge, dann denkt er auch darüber nach, wie er sie am besten verschleiert.

Da kann der Aufsichtsrat noch so interessiert sein: Wenn der Vorstand nichts erzählt, wissen die Aufsichtsräte frisch wieder nichts. Leute, die etwas Böses tun, wird es immer geben, genauso wie die Verkettungen von Umständen oder besonders ausgeklügelte Gaunereien, auf die man nicht gleich draufkommt. Die Bawag ist ein Kriminalfall.

STANDARD: Interessiert sich Raiffeisen eigentlich noch für den Kauf der Hypo Niederösterreich?

Rothensteiner: Die Landesbank Niederösterreich, Wien hat sicher Interesse. Die sind auch groß und stark genug, sich das allein leisten zu können.

STANDARD: Sie sind mit Raiffeisen International, RI, massiv in Osteuropa unterwegs. Wann werden dort die ersten Problemfälle, Gaunereien, Pleiten auftauchen?

Rothensteiner: Wir haben dort weniger Wertberichtigungen als im Inland, ich sehe dort auf absehbare Zeit nicht mehr Risiko als bei uns. Da gibt es auch ganz kuriose Dinge, wie die, die uns unlängst Albaner erzählt haben: Kann dort einer einen Kredit nicht mehr zurückzahlen, dann zahlt die ganze Sippe - weil die Familienehre dort so groß geschrieben wird.

STANDARD: Darauf werden sich die Banker aber auf Dauer eher nicht verlassen können.

Rothensteiner: Natürlich nicht. Wir werden Basel II und Regulatorien wie die Mindestanforderungen für das Kreditgeschäft in den meisten dieser Länder etablieren. Dann wird es sich im Osten nicht anders abspielen als bei uns.

STANDARD: Und dann wird auch im Osten das Geschäft nicht mehr so wachsen wie bisher.

Rothensteiner: Das wird so lange zulegen, solange die Wirtschaften noch um ein Vielfaches der unsrigen wachsen. Da ist Spielraum genug, zumal Millionen von Leuten dort noch gar keine Bankverbindung haben.

STANDARD: RI ist sogar in Kasachstan vertreten, wohin expandieren Sie als Nächstes ?

Rothensteiner: Wohin sollten wir? Es gibt nicht mehr viele Länder in Zentral- und Osteuropa, in denen wir nicht sind. Jetzt geht es einmal darum, dort, wo wir sind, möglichst hohe Marktanteile zu bekommen. Das ist eh genug Arbeit.

STANDARD: Sie wollen bis 2007 frisches Geld holen, das werden Sie wohl verplant haben. Sie wollen ja auch die rumänische CEC kaufen.

Rothensteiner: In Rumänien sind wir schon die Nummer drei, aber die CEC würde von ihren Kunden und ihrem Netz her sehr gut zu uns passen. Wenn die Privatisierung kommt, sind wir zur Stelle.

STANDARD: Sie könnten ja auch noch weiter in den asiatischen Markt hineingehen. Appetit auf Abenteuer?

Rothensteiner: Wir sind ja sogar schon auf der russischen Halbinsel Kamtschatka, auch dort haben wir eine Niederlassung. Ich sage nur: neun Stunden Zeitverschiebung - zu Moskau. Dort gibt es mehr Seehunde als Leut. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

Zur Person

Walter Rothensteiner (53) ist Chef der Raiffeisen Zentralbank (RZB) und Aufsichtsratspräsident ihrer Ostbankenholding, Raiffeisen International. Zudem ist er höchster Bankenstandesvertreter in der Wirtschaftskammer.

Das Gespräch führte Renate Graber.
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    foto: standard/andy urban
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