Schering-Beschäftigte befürchten stärkeren Jobabbau

27. Juli 2006, 14:30
1 Posting

Spürbare Anhebung des Kaufpreises um rund 400 Millionen Euro sorgt bei Beschäftigten für Unruhe

Leverkusen/Berlin - Nach dem teuer erkauften Sieg von Bayer im Übernahmepoker um Schering wächst bei den Beschäftigten des Berliner Pharmakonzerns die Sorge vor einem noch stärkeren Stellenabbau.

Zwar begrüßte der Schering-Betriebsrat, dass sich Bayer gegen das Darmstädter Unternehmen Merck durchsetzen konnte. Für Unruhe sorgt bei den Beschäftigten allerdings die spürbare Anhebung des Kaufpreises um rund 400 Mio. Euro.

Stimmung angespannt

Der Schering-Betriebsratschef, Norbert Deutschmann, sagte am Donnerstag im Inforadio Berlin, mit dem höheren Preis, den Bayer für Schering zahlen müsse, "steigen natürlich die Sorgen, dass auch Schering-Mitarbeiter diesen Preis jetzt zahlen müssen". Die Stimmung unter den Beschäftigten bezeichnete er als sehr angespannt.

"Wir haben die Sorge, dass jetzt der Druck in Richtung Abbau von Arbeitsplätzen größer wird", sagte Deutschmann auch dem "Tagesspiegel". Bayer plant früheren Angaben zufolge nach der Übernahme den Abbau von rund 6.000 Stellen weltweit. Dies entspricht einem Zehntel des Personals in den Pharmasparten beider Unternehmen.

Nervenkrieg

Nach tagelangem Nervenkrieg hat der Bayer-Konzern am Mittwoch die größte Fusion in der deutschen Pharmaindustrie für sich entschieden. Kurz vor Ablauf der Übernahmefrist kündigte das Darmstädter Familienunternehmen Merck an, es werde sein gesamtes Schering-Aktienpaket im Wert von 3,7 Mrd. Euro an Bayer verkaufen. Bayer sichert sich durch die Übernahme einen Platz unter den zehn größten Pharmakonzernen der Welt.

Das offizielle Ergebnis des Übernahmeofferts will Bayer am kommenden Mittwoch oder Donnerstag mitteilen, wie ein Unternehmenssprecher am Donnerstag mitteilte, nachdem in der Nacht die Übernahmefrist abgelaufen war. Angesichts des Ausstiegs von Merck aus dem Übernahmepoker gilt es als sicher, dass Bayer die erforderlichen 75 Prozent an Schering erhalten wird. So hatte auch Bayer-Chef Werner Wenning nach Einigung erklärt: "Wir sind sehr optimistisch, nunmehr mindestens die angestrebte Dreiviertelmehrheit bei Schering zu bekommen."

Der Leverkusener Konzern musste den ursprünglich gebotenen Kaufpreis allerdings um mehr als 400 Mio. Euro auf fast 17 Mrd. Euro aufstocken. Denn nicht nur Merck, sondern alle außen stehenden Schering-Aktionäre werden von dem mit dem Familienunternehmen ausgehandelten neuen Kaufpreis von 89 Euro je Aktie profitieren. Das ursprüngliche Übernahmeangebot sah lediglich 86 Euro je Aktie vor.

Bayer und Merck vereinbarten außerdem, "weitere Kooperationsmöglichkeiten" zu prüfen. Dabei könne es sich etwa um Lizenzen oder Entwicklungskooperationen handeln. Merck bezifferte den außerordentlichen Ertrag durch das Geschäft mit den Schering-Aktien auf knapp 400 Mio. Euro.

Unterdessen forderten Aktionärsschützer eine Reform des Wertpapierhandels-Gesetzes und Änderungen im Übernahmerecht. "Merck hat die Schwachstellen der deutsche Gesetze offenbart", sagt Jürgen Kurz von der Deutschen Schutzvereinigung für Wertpapierbesitz (DSW) der "Welt".

Die meisten Informationen über den Übernahmepoker und den genauen Verlauf der Aktienaufkäufe des Darmstädter Familienunternehmens hätte es vor allem bei der US-Börsenaufsicht SEC gegeben. "Das deutsche System aus den Meldeschwellen bei fünf, zehn und 25 Prozent ist nicht ausreichend", sagte Kurz. (APA/AP)

Share if you care.