"Nenn' mich Parteichef, Baby": Politik-Spiel im Internet boomt

18. Juni 2006, 16:40
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Österreichisches Game "Power of Politics" hat 23.000 User in sechs Monaten

"Konfuzius" regiert Österreich nun schon zum dritten Mal als Bundeskanzler - zumindest im Internetspiel "Power of Politics". Das Game des österreichischen Politologen Peter Merschitz, bei dem sich User als Politiker profilieren und jeden Sonntag Wahlen schlagen müssen, hat in einem halben Jahr bereits knapp 23.000 Spieler angezogen. "Es ist wie beim Fußball - jeder will Teamchef sein und Macht haben", erklärte der Wissenschafter im Gespräch mit der APA den Erfolg.

Politiker in Bezirk, Land oder Bund

Als virtuelle Politiker in Bezirk, Land oder Bund müssen die Spieler jede Woche mit Terminen gestalten: Reden halten, Presseaussendungen verschicken, Interviews geben, Kurse besuchen oder Sport betreiben. Sonntags stellen sie sich der Wahl. Je nachdem ob die Hobby-Politiker mit ihrer Themensetzung auch in der Realität richtig gelegen wären, bekommen sie Wählerstimmen. Orientieren können sich die Spieler an Berichten aus 120 österreichischen Medien.

Konfliktlösungskompetenz

"Wir bekommen pro Tag etwa 300 bis 500 E-Mails. Viele bedanken sich dafür, dass es ein Spiel gibt, bei dem es nicht um Gewalt oder Sport, sondern auch ein bisschen um den Intellekt geht", sagte Merschitz. Das kostenlose Strategie-Game solle nicht nur unterhalten, sondern auch die Konfliktlösungskompetenz der User fördern. Um politische Inhalte gehe es weniger. Auch die Netz-Politiker verstehen das so, wie ein Internet-Bezirksrat der steirischen Stadt Hartberg der APA sagte: "Politische Hintergründe sind mir nicht wichtig. Das Spiel interessiert mich, weil es so umfangreich ist: Man kann Werbung für die Partei machen, Logos entwerfen und so weiter", erklärte das Parteimitglied der "Sozialen Liga Fahrzeugindustrie".

Zwei Nationalratsabgeordnete

Der durchschnittliche Spieler ist männlich, 22 Jahre alt, urban und überdurchschnittlich gebildet, sagte Merschitz. "Wir haben Heavy-User, die jeden Tag drei bis vier Stunden online sind", erklärte der Politologe. Dabei handle es sich meist um Teamleader von großen Parteien mit bis zu 400 Mitgliedern. Andere wiederum würden nur einmal pro Woche in ihrem virtuellen Büro vorbeischauen, um ihre Termine zu verwalten. Sogar zwei Nationalratsabgeordnete versuchen sich als Netz-Politiker.

"Nenn' mich Parteichef, Baby"

Das Spiel hat mittlerweile auch Auswirkungen auf die Wirklichkeit: In Innsbruck etwa werden parteiübergreifende Wahlpartys in Lokalen gefeiert. Für diese begeisterten Hobby-Politiker wolle man nun wie T-Shirts und Schirmkappen entwerfen. Sprüche wie "Nenn' mich Parteichef, Baby", könnten dort etwa zu lesen sein, kündigte Merschitz an. Ob Internet-Parteien auch in der politischen Realität kandidieren werden, sei noch nicht abzuschätzen.

Schweiz, Deutschland und Lichtenstein

"Power of Politics" wurde Ende Mai auf die Länder Schweiz, Deutschland und Lichtenstein erweitert. Demnächst folgen sollen Großbritannien und Frankreich. Bald werden auch etwa deutsche gegen österreichische Parteien antreten können. 2009, zu den Europawahlen, wolle man das Spiel auf alle europäischen Länder ausgedehnt haben. Bis Jahresende erhoffte sich der Erfinder des Games zwischen 100.000 und 150.000 User.

Finanziert wurde das Spiel aus privaten Mitteln des Politologen und seines Kollegen Tim Preuster, der die Homepage programmiert hat. 200.000 bis 250.000 Euro haben die Betreiber von "Power of Politics" bisher investiert. "Wir hoffen, in zwei Jahren schwarze Zahlen zu schreiben" - etwa mit Hilfe von personalisierter Werbung auf der Homepage", sagte Merschitz.(Apa)

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"Power of Politics"

Nachlese

Einmal österreichischer Bundeskanzler sein - "Power of Politics" macht es möglich - Gratis-Multi- Player-Browsergame verlangt Taktik und Geschick - Eine Ansichtssache

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    Seit Österreichs EU-Ratspräsidentschaft bei vielen Politikern beliebt: Die Krawatte mit dem offiziellen Logo der österreichischen EU-Ratspräsidentschaft, in dem allerdings ein kleiner Fehler im Detail steckt: Das vom Niederländer Rem Kohlhaas entworfene Logo, das an einen Strichcode erinnert, vereint die Farben der 25 EU-Mitgliedsländer als vertikale Farbstriche. Dabei ist dem Designer allerdings ein Fehler unterlaufen. Statt - wie es richtig wäre - in der Reihenfolge Blau-Schwarz-Weiß erscheint die estnische Fahne hier in Schwarz-Blau-Weiß.

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