Microsoft "muss erst mal abwarten"

8. Juni 2000, 15:01

US-Softwarebranche zwischen Schadenfreude und Staatsangst

Das spektakuläre Urteil im Microsoft-Prozess spaltet die Experten. Während die einen in der angeordneten Zerschlagung eine deutliche Schwächung des Software-Giganten sehen, rechnen andere zumindest mittelfristig kaum mit tiefgreifenden Auswirkungen. Auch die Microsoft-Konkurrenten sind sich in der Interpretation des Urteils nicht einig: Einige Wettbewerber reiben sich zwar schadenfroh die Hände, andere warnen aber vor einem beispiellosen Eingriff des Staates in die bisherweitgehend unregulierte Computer-Branche.

Eines ist jedenfalls klar: Auf die Schnelle werden die Folgen kaum zu Tage treten: Rechtsexperten rechnen wegen der von Microsoft angekündigte Berufung mit mindestens einem weiteren Jahr vor den Gerichten.

"Das Monopol bei den Betriebssystemen wird bleiben", sagt Thomas Lenard, stellvertretender Chef der US-Stiftung für Fortschritt und Freiheit. Nur wenn Microsoft in mindestens vier Teile zerschlagen würde, meint Lenard, könnten sich auf dem von Windows dominierten Betriebssysteme-Markt, auf dem weltweit neun von zehn Computern mit Microsoft-Programmen laufen, deutliche Verschiebungen zeigen.

Stein des Anstoßes in dem Kartellverfahren war die in Windows integrierte Internet-Zugangssoftware Explorer. Die US-Regierung und die gleichfalls klagenden 17 Bundesstaaten sahen darin eine unzulässige Ausnutzung eines De-facto-Monopols durch Microsoft, das Wettbewerbern wie Netscape (Navigator) die Möglichkeit genommen habe, ihr eigenes Produkt erfolgreich zu platzieren. Zudem prangerten die Kläger die Praxis des Software-Riesen an, PC-Hersteller zu "bestrafen", die vorab Konkurrenzprodukte auf ihren Computern installierten.

Sun begrüßte "angemessen ernste Antwort"

Im kalifornischen Silicon Valley war der Applaus nach dem Urteil vom Mittwoch verhalten. Lediglich Sun Microsystems, ein Hauptkonkurrent von Microsoft, begrüßte die Entscheidung als "angemessen ernste Anwort auf Microsofts schweren und fortgesetzten Wettbewerbsverletzungen". Für die in der Computerbranche besonders zahlreichen Verfechter freien Unternehmertums bleibt aber ein bitterer Beigeschmack: "Die High-Tech-Branche hat diese Blüte erreicht, weil sie sich weitgehend frei von staatlichen Eingriffen entwickeln konnte", erklärte der Softwarefirmen-Verband Business Software Alliance.

Nicholas Economides, Wirtschaftsprofessor an der Universität von New York, rechnet mittelfristig mit höheren Software-Preisen, sollte die Microsoft-Zerschlagung in nächster Instanz bestätigt werden. Für den Internet-Explorer müsse Microsoft dann Geld verlangen, weil der Verkauf bei dem Firmenteil liegt, der Windows nicht vertreiben darf.

Microsoft-Chef Steve Ballmer befürchtet vor allem einen schweren Rückschlag für die Innovationskraft seines Unternehmens. Teil des Firmen-Erfolgs war es bisher, dass Microsoft neue Betriebssysteme und Anwenderprogramme wie Textverarbeitungen oder Tabellenkalkulation parallel entwickeln und aufeinander abstimmen konnte. Auch Economides meint, dass die Microsoft-Entwickler nicht mehr dieselbe Schlagkraft besitzen werden, wenn sie erst einmal in eigenständigen Unternehmen sitzen werden. "Die Gruppe müsste außerdem viel Energie darauf verwenden, ihre Aufteilung voranzutreiben. In einer Branche, die sich so schnell entwickelt, ist ein verlorenes Jahr ein herber Verlust."

Rob Enderle, Experte des Branchenberaters Giga Information, sieht Microsoft zur vollkommen falschen Zeit durch das Kartellverfahren belastet. Die Branche konzentriere sich derzeit gänzlich auf Internet-Anwendungen. Schwerfällige Betriebssysteme wie Windows könnten deshalb ohnehin bald überflüssig werden. (APA)

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