Lernen, aber bitte häppchenweise

20. Juni 2006, 19:04
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Lernen in Zeiten rasanter Technologieentwicklung: In Zukunft wird man in kleinen Schritten büffeln

In Innsbruck fand eine Expertenkonferenz über das Lernen in Zeiten rasanter Technologieentwicklung statt. Menschen, die beim Anblick dicker Lehrbücher Angst kriegen, sollten sich keine Sorgen machen: In Zukunft wird man in kleinen Schritten büffeln.

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"Wir wissen, dass Lernen in kleinen Schritten ganz anders funktioniert als in großen und wenig überschaubaren Wissensblöcken", sagt Theo Hug, Erziehungswissenschafter an der Uni Innsbruck und Leiter des Seibersdorf Research Studios E-Learning Environments. Am Institut wurde das Konzept des Mikrolernens entwickelt, wobei die Grundidee darin besteht, handhabbare Konzepte zu entwickeln, die Informationsmodule maßgeschneidert für den Nutzer auf den PC oder das Mobiltelefon bringen. Mit "Knowledge Pulse" ist inzwischen ein Produkt entwickelt worden.

Nicht zuletzt um Innsbruck als einen Kristallisationspunkt in der einschlägigen internationalen Szene zu verankern, hat Hug mit seinem kleinen Team am Wochenende zum zweiten Mal eine Microlearning-Konferenz organisiert, die mehr als 100 Wissenschafter und Praktiker aus drei Kontinenten zusammenführte. Die Relevanz der Konferenz belegt Hug u. a. damit, dass Firmen wie Intel, Nokia und IBM mit hochrangigen Vertretern präsent waren.

Hug verweist auf zwei große Spannungsfelder im Bereich Bildung: Jenes zwischen der Technologie- und Kulturentwicklung und jenes zwischen der dynamischen Entwicklung der Gesellschaft einerseits und den trägen Institutionen andererseits. Hug geht davon aus, dass sich zwischen den Zentren und der Peripherie eine neue Balance einstellen wird, weil heute sehr oft die wirklich spannenden kleinen Dinge, die die Bildungs-und Medienarbeit dynamisieren, nicht mehr in den großen Universitätsinstituten passieren, sondern in kleinen und kleinsten Einheiten irgendwo auf der Welt.

David Smith (Oxford) entwickelt auf der Konferenz die These, dass sich Lernplattformen bisher hauptsächlich an der Schnittstelle zwischen Ordnung und Kontrolle abgespielt haben, mit der neuen Dynamik der digitalen Bildungswelt sich aber eine Verlagerung zur Schnittstelle zwischen Chaos und Ordnung ergibt. Damit im Zusammenhang stehen Fragestellungen über die zukünftige Bedeutung von Bildungszertifikaten und der Qualitätssicherung.

Einig war man sich auf der Konferenz darüber, dass dem E-Learning der ersten Generation mit seinen oft starren und geschlossen Formen mit viel zu großen Lerneinheiten, nicht die Zukunft gehört. Thomas Vander Wal (USA) spricht in diesem Zusammenhang vom "Web 2.0" und von den individuellen oder für Teilöffentlichkeiten sich bildenden "Infoclouds", die auch die künftige Rolle von Massenmedien maßgeblich beeinflussen werden.

Für Stephen Downes (GB) ist klar, dass die neuen Technologien neue Nutzungsstrategien erfordern.

Multitasking ist für viele längst Alltag, jetzt geht es darum, Strategien der kleinen Schritte zu entwickeln, um die Informationsfluten zu bewältigen, sagt ein Konferenzteilnehmer. (hs/DER STANDARD Printausgabe, 14. Juni 2006)

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    Lernen darf Spaß machen - moderne Technologien machen es auch für jenen möglich, die gerade keine Wiese zur Verfügung haben.

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