"Ich denke, daher schreibe ich"

20. Juni 2006, 19:04
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Christoph Badelt im STANDARD-Interview über die knappen Fördermittel für Grundlagenforschung und Infrastruktur

Warum nicht nur mehr Fördermittel für Grundlagenforschung und Infrastruktur notwendig sind, sondern auch mehr Anträge gestellt werden sollten, erklärt Christoph Badelt im Gespräch mit Louise Beltzung.

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UNISTANDARD: Ist die Finanzierung von Forschung in Österreich schwieriger geworden?

Christoph Badelt: In den letzten Jahren ist bedeutend mehr für Forschung ausgegeben worden als bisher. Der FWF hat 30 Millionen Euro dazubekommen, um die extrem hohen Ablehnungsraten auszugleichen. Das wurde vorläufig für ein Jahr beschlossen. Es ist notwendig, diese Erhöhung langfristig zu gewähren.

UNISTANDARD: In den USA sind Abweisungsquoten von 70 Prozent nicht außergewöhnlich ...

Badelt: Ja, aber in den USA, wie in anderen großen Ländern, gibt es mehrere Fonds, während wir nur einen großen Grundlagenforschungsfonds haben. Der FWF musste in den letzten Jahren viele Projekte abweisen, die international exzellent beurteilt wurden. Das ist forschungspolitischer Wahnsinn.

UNISTANDARD: Wird genug für die Finanzierung der Infrastruktur für Forschung getan?

Badelt: Projekte der Grundlagenforschung sollten zu Vollkosten kalkuliert sein, also einschließlich der dazu notwendigen Infrastruktur. Das ist im Augenblick beim FWF noch nicht möglich. Ich hoffe, dass es in den nächsten Jahren so weit kommen wird.

UNISTANDARD: Im Vergleich zu den Naturwissenschaften wird wenig in die Geistes- und Sozialwissenschaften investiert. Worin liegen die Gründe?

Badelt: Der erste ist: Bücherwissenschaftliche Projekte sind immer billiger als naturwissenschaftliche. Zweitens gibt es eine gesellschaftliche Prioritätensetzung für alles rund um Technologie, und drittens ist die Kultur der Antragsforschung nicht so ausgeprägt wie in den Naturwissenschaften. Viele gehen mit dem hehren Wissenschaftskonzept einher: Ich denke, darum schreibe ich ein Buch. Der FWF klagt oft darüber, dass er nicht so viele Anträge in den Geisteswissenschaften bekommt, wie er sich eigentlich wünschen würde.

UNISTANDARD: Sollte eine Evaluation von Forschungsleistung an finanzielle Fragen geknüpft werden?

Badelt: Ich bin skeptisch, was eine unmittelbare Verknüpfung von Evaluation und finanziellen Konsequenzen betrifft. Eine Evaluation soll dazu dienen, Stärken und Schwächen festzustellen. Ich glaube nicht, dass man eine mechanistische Konsequenz daraus ziehen kann. (DER STANDARD Printausgabe, 14. Juni 2006)

Zur Person

Christoph Badelt (55) ist seit April 2005 Vorsitzender der Rektorenkonferenz und Rektor der WU seit März 2002.

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