Musikrundschau: Schwerpunkt Österreich

15. Juni 2006, 20:19
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Neue Alben von The Year Of und The Seesaw und die Hot Grids & Believers Edition V.

THE YEAR OF
Slow Days

(Morr Music/Soul Seduction)
Supergroupalarmstufe Rot! Was hier unter dem Titel The Year Of zusammengefunden hat, wirkt auf den ersten Blick ein wenig konstruiert: Christof Kurzmann an Stimme und Gebläse, Bernhard Fleischmann am Rhythmus, Martin Siewert an Gitarren und diverser Elektronik, Werner Dafeldecker am Bass sowie Paul Kling am Vibrafon erinnern, so aufgezählt, ein wenig an die Chicagoer Tortoise, also ein ebenfalls aus großen Namen bestehendes, ebenfalls aus einer Szene kommendes Bandunternehmen. Doch konstruiert oder nicht, was diese fünf Herrschaften hier geschaffen haben, zählt mit zu den besten zehn heimischen Alben der vergangenen Jahre. Unzweideutig an dem von ihm verehrten Robert Wyatt orientiert, singt Kurzmann mit seiner hohen, leicht brüchigen, aber in jedem Fall einnehmenden Stimme und veredelt so ein atmosphärisch dichtes Album. Ja, im Stück Stephen Hawking erinnert er sogar an Lou Reed! Niederschwellig angejazzt, zurückhaltend poppig-rockig und mit jenen Melancholie-Momenten ausgestattet, die vielen Morr-Veröffentlichungen in der Zeitrechnung seit Bernhard Fleischmann eigen sind, setzt man in der Schnittmenge von elektronischen und traditionellen Klängen satt Mehrwert frei. Und wie sich das zentrale Stück, das über 14-minütige Epos Calling Sky aufbaut - ein Traum!

THE SEESAW
Couch Crisis

(Wohnzimmer Rec.)
Zuletzt war man schon etwas in Sorge wegen Stootsie. Hieß es doch, er würde mit einer Oasis-Coverband seinen Müßiggang bekämpfen. Ausgerechnet! Zumindest hat sich dieses kolportierte Hobby nun nicht auf das neue Album seiner Stammband The Seesaw ausgewirkt. Stootsie, zusammen mit seinen ebenfalls nur lapidar Max und Arno geheißenen Mitstreitern, ist singender Kopf dieser von Salzburg aus schon länger an der Welteroberung arbeitenden Gitarrenband, die für ihr letztes Album Generation Love (internationales) Lob einfuhr, das auf einem größeren Markt als dem österreichischen schon für die Pensionsvorsorge gereicht hätte. Weil Lob sich aber nicht in Verkaufszahlen umlegen lässt, setzt das Trio nun mit Couch Crisis nach - und ist noch besser: Sonnige Melodien und der übliche genial geschlagene Spagat zwischen britischem Pop und kalifornischen Sixties-Klängen nehmen die Hörer sofort in Beschlag, tögeln sie hin und wieder mit ein paar härteren Riffs, geben sich aber grundsätzlich menschenfreundlich. Damit gehört Couch Crisis zu den wenigen heimischen Veröffentlichungen, die einen nicht betreten schweigen lassen.

HOT GRITS & BELIEVERS EDITION V.
Served/Selected by DJ Samir Various Artists

(beide: Universal)
Diese fünfte Ausgabe der früher Planters Club benannten Reihe ist ein "Slow Burner". Das bedeutet nicht, dass man sich diese Sammlung erlesener Soul-Perlen mühsam erarbeiten muss - allein der Genuss hält länger an. Samir H. Köck, oftmals blumig formulierender Musikautor der Presse, beweist mit dieser Kompilation einmal mehr seinen Instinkt für die richtige Chronologie von Stücken und teilt sein umfangreiches Geheimwissen bezüglich ungehobener oder unbedankter Schätze aus dem unüberschaubaren Soul-Universum. Ein Befund, der längst auch von einem internationalen Fachpublikum unterschrieben wird. Auf der Believers Edition V. stimulieren und befriedigen die Stimmen von Keni Burke, Rockie Robbins oder Denise LaSalle. Von Modern Soul bis zum Südstaaten-Schleicher - eine Bank! Wer die nächste Stufe bevorzugt: Auf Hot Grits serviert Köck scharfe Gerichte aus den Funk-Küchen von Etta James, Lyn Collins oder Rufus Thomas. Mehr können Sie für Ihre Party nicht tun! (flu /DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

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