Wenn die Wölfe heulen: "Wolfmother"

15. Juni 2006, 19:54
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Auf ihrem titellosen Debütalbum erweisen sich die drei Australier als grandiose Wiedergänger des 70er-Jahre-Hardrock

... Abteilung Stumpf ist Trumpf. An der Luftgitarre: Karl Fluch


"Can you see it's full of lightning
All the futures that I see are whitening
See the time of yesterday
Become the time we have today".
(Wolfmother im Song "Pyramid")


Wenn es nach über 50 Jahren Rock 'n' Roll so etwas wie eine allgemein gültige Erkenntnis gibt, dann wohl jene, dass man mit der Ausstattung Gitarre, Bass und Schlagzeug nicht viel falsch machen kann. Zwar gibt es etliche Beispiele, die verdeutlichen, dass manche damit auch nichts wirklich, beziehungsweise wirklich nichts richtig zustande bringen. Allein dieses Grundgerüst für die vertonte Revolution, diese Keimzelle des Aufstands von zumindest drei Gleichgesinnten, gilt mit seinem simplen, ja primitiven Kraftpotenzial immer noch als irgendwie gefährlich - und ist damit immer noch attraktiv.

Jüngstes Beispiel der anhaltenden Anziehungskraft dieser unheiligen Dreifaltigkeit sind Wolfmother, ein Trio aus Australien, das, weil es mit seinem urlässigen Coverartwork offenbar gleich alle Fantasie verbraucht hat, mit einem titellosen Debütalbum vorstellig werden muss, auf dem die drei gerade 20-Jährigen renitent der hohen Kunst der tiefen Riffs und Schläge frönen. Wobei gemessen an dem explosiven Irrsinn, der hier mit nur wenigen Atempausen geboten wird, das Wörtchen "frönen" vielleicht doch zu sehr nach Konditoreijargon klingt. Sagen wir so: Wolfmother klopfen nicht höflich an die Tür um zu überprüfen, ob möglicherweise jemand zu Hause ist, sie kommen durch die Wohnzimmerwand gefahren. Ohne Entschuldigung, ohne Genierer. Solche Rücksichtnahme wäre nämlich hinderlich. Denn natürlich klauen die aktuell in Los Angeles wohnenden Wolfmother wie die Raben, und natürlich hat man das hier alles schon mindestens ein Mal gehört.

Allein, als Argument gegen diese Musik taugt diese Erkenntnis im Pop, in dem heute bekanntermaßen (fast) alles schon einmal da gewesen ist, denkbar wenig. Spätestens mit dem Auftauchen von ähnlichen Wiedergängern wie den Briten von The Darkness, die von ihren Fans ja auch tatsächlich ernst genommen werden, scheint belegt, dass die einstige Zeitrechnung vor und nach Punk - also böse und dann gut böse - nur noch bedingt anwendbar ist. Wobei gerade die Zeit unmittelbar vor Punk, also die frühen bis mittleren 70er, als eher dramatisch abschreckend einzustufen ist. Schließlich wurde damals die erste und zweite Generation des Rock 'n' Roll langsam aber sicher fett, unbeweglich und damit ein bisserl unwürdig und unsexy. Aber dasselbe lässt sich ja längst über die Zeit nach Punk auch sagen - ohne deshalb dessen Verdienste zu schmälern, die sich bis heute als fähige Haltung in den verschiedensten seither entstandenen Genres bewiesen hat. Von wegen: Alles geht, wenn ich das will - Hugh! Ich habe gesprochen!

Doch genau die Zeit vor Punk, die hat es Wolfmother angetan. Genauer, der Hardrock der frühen 70er-Jahre, als Ozzy Osbourne mit Black Sabbath Wörter wie War Pigs oder Paranoid ins Mikrofon gurgelte, als Led Zeppelin ganz dringend und drängend Whole Lotta Love urgierten und nicht die Einzigen waren, die angesichts ungesunder Substanzen in Kombination mit der eigenen Jungmänner-Virilität ein wenig Dazed And Confused wirkten. Manche behaupten ja, diese Kombination verantworte die hohen, brunftigen Kopfstimmen im Hardrock.

Wie ein Wolf heult natürlich auch der Sänger und Gitarrist von Wolfmother, Andrew Stockdale. Und hätte er sich bereits in der Grundschule ein AC/DC mit der Füllfeder in die Babyhaut tätowiert, es passte auch ins Bild. Dass ausgerechnet er als Rudelführer die ärgste Pudelfrisur der drei trägt, ist dabei Zufall und nicht ironische Brechung oder ein anderer halblustiger Versuch, sich Legitimation für sein Tun zu besorgen. Wolfmother kommen im Vergleich zu The Darkness ohne Kasperlposen aus - oder verzichten zumindest auf trottelige Verkleidungen. Denn natürlich wirbt auch Stockdale mit der Klampfe im Schritt ordentlich um (weibliche) Aufmerksamkeit, betreibt also Imponiergehabe vom Feinsten - was bei einem fast ausschließlich männlichen Hardrock-Publikum immer schon ein Witz war. Auch die Ästhetik des Plattencovers oder diverse Songtitel - White Unicorn! Where Eagles Have Been! - schlagen in traditionelle Kerben. Selbst das an manchen Stellen auftauchende Keyboard wirkt obligatorisch. Wobei Wolfmother nicht in den Virtuositätsfettnapf steigen und sich dort den Morbus Jon Lord eintreten, sondern auch die Tasten räudig und hart bedienen. Wobei - man muss natürlich schon sehr gut spielen können, um diese 13 Songs so locker so hart runterprügeln zu können.

An den Aufnahmereglern dieser Wuchtel saß Dave Sardy, ein Rick-Rubin-Lehrling, der schon bei Alben von Helmet, Slayer oder System Of A Down als kongenialer Geburtshelfer fungierte. Einzelne Stücke auf dem Album hervorzuheben erscheint sinnlos. Schon nach ein paar Sekunden wird klar, worum es hier in der nächsten Stunde gehen soll: Andrew Stockdale eröffnet mit einem ins Mark gehenden Schrei, das Schlagzeug setzt ein, dann donnern Gitarrenriffs. Das war's, so bleibt's. Ein paar Mal setzt man kurz zum Atemholen aus, denkt sogar einmal eine Ballade an, vertraut ansonsten jedoch der oftmals belegten Überzeugungskraft dieser aus dem Urschlamm des Blues gezerrten und arg hergenommen Stilrichtung. Und damit macht Wolfmother bis zum Schluss nichts falsch.

Wie James Hetfield von Metallica einst in der Wiener Stadthalle sagte: "You want heavy? We give you heavy!" So. (DER STANDARD, Print-Ausgabe, 16.6.2006)

  • Wolfmother: Same (Universal)
    foto: universal

    Wolfmother: Same (Universal)

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