Füße im Sand am Elbstrand

15. Juni 2006, 17:00
posten

Paddeln auf der Alster oder Milchkaffee-Trinken am "Galao-Strich". Ballfreie Alternativen in der Hansestadt Hamburg

Hamburg liegt nicht am Meer. Aber das Meer kommt nach Hamburg: Auf graubraunem Elbwasser schaukeln dicke Pötte in den Hafen, weshalb Schiffe-Schauen zum elementaren Teil der Freizeitgestaltung zählt. Muss man nicht spannend finden: am Elbstrand die Füße in den Sand vergraben, wo sich portable Grills aneinander reihen wie sonnenhungrige Körper auf Ibiza, der Wind aber so prickelt wie an der Nordsee und du häufiger mit Hundeschnauzen in Kontakt kommst, als dir lieb ist.

Aber vor dir - die See. Nun ja, die Elbe. Aber das sieht man hier nicht so eng. Auch hilft es, sich die Stadt vorzustellen wie einen horizontalen Strich, von dem in der Mitte eine Linie nach Norden abzweigt. Die Horizontale ist die Elbe. Die Vertikale die Alster. Ein Binnengewässer mitten in der Stadt, mit Segelbooten drauf und weißen Villen drum herum.

Reeperbahn und Heiligengeistfeld

Zwischen Horizontale und Vertikale liegen noch Reeperbahn und Heiligengeistfeld - damit wären die Koordinaten festgesteckt, die man in den kommenden vier Wochen meiden sollte: An der Reeperbahn, Hamburgs meistbesuchter Straße, wird man König Fußball auf dem Spielbudenplatz huldigen, einer erschreckend öden Fläche mit Tiefgarage, die derzeit endlich umgebaut wird - nach vierzig Jahren Diskussion.

Das zweite No-Go während der WM ist vom Spielbudenplatz nur fünf Gehminuten entfernt. Jener unwirtliche Ort namens Heiligengeistfeld von der Größe mehrerer Fußballfelder, auf dem alle paar Monate Jahrmarkttrubel herrscht - und der sympathische Underdog-Kiezclub und Drittligist FC St. Pauli zu jedem Heimspiel zehntausende Fans in sein kleines Stadion lockt. Die nächsten Wochen werden sich auf dem Gelände vor allem Fans von Großleinwänden einfinden. Also weiträumig umfahren.

Gesunde Distanz zum FIFA-WM-Firlefanz drückt Hamburgs Prestigeprojekt aus, das bezeichnenderweise im himmelweiten Unterschied zum Ballzauber auf der Erde steht - und zwar auf den Dächern der Stadt: Blue Goals, kornblumenblau leuchtende Leuchtstoffröhren in Form von Toren, durch die bald Laserstrahlen wie Bälle durch Tore flitzen werden.

Schon jetzt, das sei zugegeben, flüstern sich selbst Fußball-Verächter hinter vorgehaltener Hand zu, die Lichtinstallation ganz apart zu finden. Kein Wunder: Mit Kunst trifft man im schönen Hamburg meist auf warme Herzen.

Sprung über die Elbe

Dafür wagt man denn auch den Sprung über die Elbe, ins südliche Harburg, wo es den Innenstädter für gewöhnlich nicht hinzieht, wo sich aber Hamburgs "aufregendste Kunstsammlung" versteckt, wie GEO Saison die Sammlung des Kaufmanns Harald Falckenberg soeben lobte. Was mit Kunst von jungen, wilden Deutschen wie Daniel Richter oder Jonathan Meese begann, hat sich mittlerweile zu einer eigenwilligen, aber beachteten Sammlung internationaler Gegenwartskunst entwickelt.

Zurück über die Elbe, rein ins Zentrum. Wem nicht danach ist, sich am Elbstrand Wind und Bratwurstduft um die Nase wehen zu lassen, geht an die Alster, Kajak mieten. Neidfaktor? Hoch! Viele feine Villen und protzige Gärten, an denen man vorbeipaddelt.

à la Hawaii

Mit einer Massage à la Hawaii oder Sommerregen lassen sich nahe der Binnenalster anschließend die verspannten Muskeln lockern, im neu eröffneten Nivea-Haus: oben banaler Verkaufsraum von Beiersdorf-Produkten, unten aber schöner Wellness-Verwöhnort.

Und dann wäre da noch das Schanzenviertel. Jener Stadtteil westlich der Alster und nördlich der Elbe, der die Balance zwischen alternativ und szenig, zwischen uniform und unangepasst schafft. Besonderes Augenmerk liegt dabei auf dem Schulterblatt, jener Ausgeh-Straße, vom Spiegel süffisant als "Galao-Strich" charakterisiert. Weil sich hier, auf der piazzagleichen Straße, ein Café neben das andere reiht, genau wie die Milchkaffee-Trinker draußen vor der Tür, die scheinbar nichts anderes zu tun haben, als anderen Leuten hinterherzugaffen.

Aber das könnte sich ändern. Denn Mitte Juni eröffnet mit dem Kulturhaus 73 das jüngste Projekt des Viertels, dessen Initiatoren um Falk Hocquél Anwohnern und Gästen ein echtes Kulturzentrum bieten wollen. Verteilt auf drei Etagen gibt es Kaffeehaus- und Hochkultur, Musikclub und Restaurant.

Während der WM kann sich das Haus zwar nicht ganz vom Fußball freimachen. "Aber da sitzen dann die Kerle hinten im Schuppen. In die vorderen Räumen dringt kein Laut", versprechen die Macher. Lauter und vor allem lustiger wird es im Haus dann beim Theatersport werden, jenen Improvisationen, bei denen ein Ensemble aus den Stichworten des Publikums spontane Stücke macht. Bislang vor allem ein Spaß auf Off-Bühnen, versucht man die Kultur-Disziplin nun in größeres Bewusstsein zu rücken. Auch im Imperial Theater auf St. Pauli stellen sich an mehreren Abenden internationale Theatersportler bereitwillig den Zurufen der Zuschauer. Danach: runter an die Elbe. Im Dunkeln Schiffe schauen. (Mareike Müller/Der Standard/rondo/16/6/2006)

Info:

Elbstrand, mit dem Bus 112 ab Bahnhof Altona nach Neumühlen (Endstation); Falckenberg Sammlung, Phoenix-Fabrikhallen, Tor 2, Wilstorfer Straße 71, 21073 Hamburg; S-Bahn 3 bis Harburg, Fußweg zehn Minuten. Besuch nur nach Anmeldung, Tel.: 0049 / 40 / 32 50 67 62;
Bootsverleih Goldfisch, Isekai 1, 20249 Hamburg, tgl. zehn bis 20 Uhr,
Tel.: 0049 / 40 /4135 75 75;
Nivea-Haus, Jungfernstieg 51, 20354 Hamburg, Tel.: 0049 / 40 / 82 22 47 40, auch kurzfristige Termine;
Kulturhaus 73, Schulterblatt 73, 20357 Hamburg, Veranstaltungen im Juni / Juli: Abseits-WM
Imperial Theater, Reeperbahn 5, 20359 Hamburg, Theatersport-Termine
  • Bild nicht mehr verfügbar

    Mehr als 150 "Blue Goals" zieren in der Hansestadt die Dächer verschiedener Häuser.

Share if you care.