Die Suche nach der wahren Macht

20. Juni 2006, 19:04
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Hat der Staat noch die Macht, die ihm zugeschrieben wird? Oder hat sich die Macht inzwischen in Richtung Wirtschaft verschoben?

Das Institut für die Wissenschaft vom Menschen ging dieser Frage auf den Grund.

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Seit nunmehr zehn Jahren ist die Globalisierung ein Dauerthema. Und seit ebenfalls zehn Jahren wird in diesem Zusammenhang auch darüber diskutiert, ob der Staat an Macht verliert: Hat die Politik noch ihre ehemalige gesellschaftliche Gestaltungskraft? Oder erfolgt eine Machtverschiebung in Richtung Wirtschaft und Konzerne? Allein - welche Macht wird denn wohin verschoben? Kann man Macht überhaupt verschieben? Und, nur so ganz nebenbei gefragt: Was ist denn Macht eigentlich?

Dieser Frage ging der Berliner Politikwissenschafter und Soziologe Claus Offe im Rahmen der diesjährigen "Vorlesungen zu den Wissenschaften vom Menschen" des vom Wissenschaftsministerium geförderten Instituts für die Wissenschaften vom Menschen (IWM) nach - wohl auch mit dem Ziel, das Phänomen Macht der empirischen Sozialforschung zu erschließen.

Claus Offe eröffnete seine Ausführungen - insgesamt hielt er drei Vorlesungen zum Thema - damit, dass er danach fragte, wie man denn soziale Macht überhaupt analysieren und in einen Begriff fassen kann; wie man also einen sozialwissenschaftlich interessanten Machtbegriff schafft. Denn wirklich existieren tut ein solcher bisher nicht - zumindest nicht im deutschen Sprachraum.

Zu viel Bedeutung

In diesem, sagte der Politikwissenschafter und Soziologe, bleibt die Diskussion über das Thema Macht nämlich oft nebulos und trüb; "vor lauter Bedeutsamkeit", nach der das Wort "Macht" klingt, "nimmt die Klarheit des Denkens immer wieder Schaden", wie es Claus Offe durchaus ein wenig boshaft gemeint formulierte. Und dabei unter anderemden Namen Friedrich Nietzsche ins Spiel brachte.

Was aber nicht so sein müsste. Für Offe zeigen das Franzosen wie Angelsachsen immer wieder vor, die sehr wohl die relevanten Fragen zum Thema "Macht" zu stellen wissen. Und dementsprechend etwa analysieren, wer die Akteure sind, die Macht zum Beispiel gebrauchen. Oder die in wissenschaftlichen Untersuchungen auch immer wieder herausarbeiten, welche Folgen Machtgebrauch im "positiven", gestaltenden wie im "negativen", repressiven Sinne hat. Und schließlich auch noch thematisieren, wie sich Macht kontrollieren, respektive wandeln, das heißt anders nutzen lässt, erklärte Offe.

Womit auch schon die Kernthemen einer Analyse von Macht am Tisch sind. Bloß: Was heißt das alles?

Claus Offe ging die Beantwortung dieser Frage wohltuend genau an. Zuerst traf er einmal eine fundamentale, wenn auch keineswegs neue Unterscheidung: Soziale Macht kann unterdrückend, ergo repressiv oder aber konstruktiv sein.

Erstere Seite, das Repressive, ist auch als die Struktur der Macht zu sehen, letztere - das Konstruktive - als ihre Funktion. Wie sich über diese einfache Unterscheidung auch gleich eine ganze Reihe von Zuordnungen treffen lässt, die deutlich macht, wer was im Auge hat, wenn er von "Macht" sprach: Der Liberale etwa die repressive Macht, die er minimieren will; der Sozialdemokrat die konstruktive, die ein starker, regierungsfähiger Staat zur Wohlstandsoptimierung einsetzen sollte.

Nun bekommt man mit dieser Unterscheidung von "power over" und "power to", wie es der Soziologe und Politikwissenschafter auch formulierte, zwar schon ein Gefühl dafür, worum es beim Thema "Macht" geht. Doch auf die Ebene der Akteure ist der Begriff damit noch nicht heruntergebrochen. Denn das ist ja schließlich die entscheidende Frage: Was heißt es denn für den Einzelnen, Macht zu haben oder diese eben gerade nicht zu besitzen? Und umgekehrt: Welche Verhältnisse der Akteure zueinander konstituiert Macht?

Gefälle der Optionen

Aus diesem Grund brachte Offe im Anschluss an seine erste Differenzierung eine elegante "Formel" ins Spiel: Soziale Macht beruht letztlich auf einem Optionsgefälle. Womit Folgendes gemeint ist: Menschen oder Akteure stehen in der Regel in Interaktion miteinander, verfügen dabei aber, um mit Offes Worten zu sprechen, "über unterschiedliche Maße an Handlungsoptionen". Dass dem so ist, hat etwas mit Institutionen zu tun, in denen Akteure agieren - und die dafür sorgen, dass ein Akteur Optionsvorteile gegenüber anderen Akteuren hat. Institutionen wie der Staat verleihen solche Optionsvorteile, was sich etwa daran zeigt, dass es eben Regierende auf der einen und Bürger auf der anderen Seite gibt. Macht äußert sich folglich in "asymmetrischen Durchsetzungschancen"; das heißt darin, dass A als machthabender Akteur etwas tun kann, was B als machtunterlegener nicht kann. Die beiden haben verschiedene Optionen und verschiedene Chancen, diese Optionen zu nutzen. Was genau Machtverhältnisse kennzeichnet.

Damit ist ein Machtbegriff gewonnen, denn Offe in der Folge zu nutzen begann, aber auch noch genauer durchleuchtete. Vieles ist ja noch nicht geklärt; beispielsweise die Frage, warum die der Macht Unterworfenen selbige auch akzeptieren. Für Offe ist das sogar das "Zentralproblem der Machtanalyse", da dieses Optionsgefälle nicht funktionieren würde, wenn nicht dieses Akzeptanzmoment existierte: Erst dieses sorgt dafür, dass Akteure ihre "Funktionen" als Schüler, Arbeitssuchende und dergleichen einnehmen und besagte Asymmetrie im Bereich der Durchsetzungschancen zulassen.

Grad der Aversion

Offe erklärte die Akzeptanz mit dem so genannten Konzept des Aversionsgrades: Laut diesem will der "machtunterlegene Partner" die Folgen des Handelns des Machthabers "mit größerer Intensität" vermeiden als der Machthaber selbst diese Handlung vermeiden will. Anders formuliert: Der Angestellte einer Firma wird größten Wert darauf legen, dass es nicht zu seiner Entlassung und in der Folge zu Arbeitslosigkeit kommt; der Firmeninhaber hingegen wird auch Interesse daran haben, dass er niemanden entlassen muss, aber dieses Interesse wird nicht gleich intensiv wie das seines Angestellten sein. Die Aversion des Angestellten gegen die "negativen Sanktionen" sind mithin so groß, dass es nach Darstellung Offes zu einer "konditionierten Selbstbeherrschung" kommt - zumindest dann, wenn es auch eine Belohnung oder einen Anreiz (etwa sichere Arbeit) dafür gibt. Diese Selbstbeherrschung veranlasst den machtunterlegenen Akteur dann auch dazu, auf den Gebrauch jener Mittel zu verzichten, die das Optionsgefälle verändern könnten.

Freilich ist das noch nicht alles. Neben der Aversion bedarf es auch "einer kognitiven Repräsentanz der Machtverhältnisse", damit diese stabil sind. Wie es überhaupt noch viel zum Machtbegriff zu sagen gibt; etwa dass Macht klarerweise nur dort vorkommen kann, wo es auch Interaktionen zwischen den Menschen gibt. Und dass dort, wo diese Interaktionen - wie im ideal gedachten Markt - symmetrisch werden, eine Art "Nullpunkt der Macht" erreicht wird. Der wiederum deshalb interessiert, weil man dann überlegen kann, wie weit man im Rahmen einer Interaktion von diesem entfernt und wie viel Macht folglich im Spiel ist. Womit eine Art "Maßstab" im Hinblick darauf existiert, "um wie viel größer der Optionshorizont vom machthabenden A relativ zu dem des machtunterlegenen B ist". (Christian Eigner/DER STANDARD, Print-Ausgabe, 14./15. 6. 2006)

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